Monthly Archives: Juni 2013

Horror-Foley-Film-Klang-Spektakel: Berberian Sound Studio

Berberian Sound Studio

Image Copyright: Peter Strickland

Gestern habe ich endlich Berberian Sound Studio sehen können – leider nur auf DVD. Ab 4.7. kann man den außergewöhnlichen Film aber endlich auch hier in Köln im Kino sehen – im Filmhaus.

Meine Aufmerksamkeit hatte der Film bereits mit Erscheinen des Soundtracks vor etwa einem halben Jahr erregt. Der wurde nämlich von Broadcast eingespielt – jener von mir so geschätzten, auf dem Warp-Label veröffentlichenden Band, deren Sängerin und Mastermind Trish Keenan sehr viel zu früh verstarb und die sich so wirklich in gar keine Schublade einsortieren läßt. Zum experimentell-psyschedelisch-retrofuturistischem Stil Broadcasts schrieb Pitchfork folgerichtig:

“Even the “hauntology” sub-genre felt too parochial for a band that had such potentially limitless scope within its grasp.”

Doch hier soll es – und das auch nur ganz kurz – um den Film gehen. Um einen großartigen Film, ein Meisterwerk vielleicht. Ich bin kein Cineast und auch kein Filmkritiker, doch Peter Stricklands Film, in dem es vornehmlich um Ton, oder besser um Vertonung und Foley, die Kunst des Geräuschemachens, im Kontext von 70er Jahre Italo-Billig-Horrorfilmproduktion (dem so genannten “Giallo“-Genre) geht, ist ein verdammter Meilenstein. Noch nie zuvor habe ich einen Film gesehen, in dem das Horrorgenre so perfekt auf den Sound fokussiert ist bzw. allein durch ihn funktioniert. Sicher, seit Peter Thomas und seinen großartigen Soundtracks für Raumpatrouille Orion und die Edgar Wallace-Filme wissen wir, wie wertvoll guter Sound für preiswert produzierten Film ist. Hier jedenfalls brillieren und harmonieren ein irre gut spielendes Ensemble, allen voran der von Toby Jones gespielte Toningenieur Gilderoy und der von Cosimo Fusco gespielte, mobbende Filmproduzent Francesco, mit den Klangkünstlern Broadcast und Joakim Sundstrom (dem “echten” Toningenieur des Films) sowie dem irre perfektionistischen Regisseur Strickland und seinem Team.

Ferner kommen Soundenthusiasten und Vintage-Geeks auf ihre Kosten: Neben buchstäblichen Tonnen (sprich: schrankgroßen) 70er Studioequipment in Form analoger Hochpass- und was-weiß-ich-für-Filter gibt es rare Nagra-Taperecorder, obskure Mikrophone und sogar ein Watkins Copicat-Tapeecho zu sehen, mit dem Gilderoy in einer kurzen, romantischen Szene verstörend schöne Gesangseffekte erzeugt.

Koproudziert wurde der Film übrigens vom Kölner Regisseur, Filmemacher und “Lindenstraße”-Erfinder Hans W. Geißendörfer. Das Intro-Magazin hat mit dem bekennenden Horrofilm-Liebhaber ein interessantes Interview über seine Beteiligung an “Berberian Sound Studio” geführt.

Old Splendifolia/F.S. Blumm: Das komplette Interview (Stadtrevue Netzmusik #9)

F.S. Blumm

F.S. Blumm. Bild: fsblumm.free.fr

Gestern habe ich im Stadtrevue-Blog die aktuelle Netzmusik-Kolumne über das Album “Utterly Heartbreaking” von Old Splendifolia veröffentlicht – heute folgt nun das komplette Interview mit Frank Schültge alias F.S. Blumm, einer Häflte des Duos.

Frank, gemeinsam mit Jana Plewa hast Du im Januar 2013 auf dem italienischen La bèl Netlabel das Album ‘Utterly Heartbreaking‘ veröffentlicht. Ist das Deine erste Veröffentlichung auf einem Netlabel?

Meine erste Veröffentlichung auf einem Netlabel war auf demselben Label eine Kollaboration mit Lucrecia Dalt.

Old Splendifolia: Utterly Heartbreaking

Old Splendifolia: Utterly Heartbreaking. Bild: labelnetlabel.com

La bèl bietet ‘Utterly Heartbreaking’ einerseits als kostenlose EP, andererseits als komplettes Album für drei Euro und auch als handgemachte CD in limitierter Auflage an – das ganze ist zudem meiner Recherche nach Deine erste Veröffentlichung unter einer Creative Commons-Lizenz. Was versprechen sich Label und Band von dieser neuen Form der Distribution und Veröffentlichung? Auch Dein neues Soloalbum ‘Food’ hast Du vor kurzem via Bandcamp veröffentlicht …

Dass die Musik draußen ist und diejenigen findet die sie mögen. Dass neue Menschen auf uns aufmerksam werden; Fans was zum Knabbern haben und dass wir Konzerte spielen. Und finanziell: Vielleicht eine Lizenz abgreifen, wäre natürlich schön …

Was genau meinst Du mit ‘Lizenz abgreifen’? Dass jemand die Musik bspw. für ein Filmprojekt, Remix oder ähnliches lizensiert?

Ja, genau. Fernsehfilm, Kinofilm, Doku, Werbung … scheint – zumindest in meinem Falle – ohnehin die einzige Art zu sein durch eine Veröffentlichung heutzutage ernsthaft etwas verdienen zu können …

Sagen wir mal es funktioniert: Creative Commons hilft Euch dabei, bekannter zu werden, es ergeben sich Konzerte und neue Kollaborationen, Remixe etc. … wäre das eine Basis, auf der Du bzw. Ihr weiter arbeiten würdet? Wäre die C3S (s. auch Netzmusik #03) eine Alternative für Euch, so sie denn gegründet wird? Sie schickt sich ja schon an, alles fairer und besser zu machen, als das derzeit bei GEMA der Fall ist. Dein Verleger setzt sich ja ebenfalls bereits sehr kritisch mit der ganzen Thematik auseinander …

Tja, die GEMA hat durch ihr langes Alleinherrscher-Dasein einfach die Bodenhaftung verloren; das wird insbesondere sichtbar bei ihrer extrem ungerechten Verteilungs-Politik und der gezielten Fehlinformation von Laden- und Clubbesitzern. Durch eben diese Monopol-Stellung kann es aber wohl noch lange dauern, bis insbesondere Airplay von anderen Verwertungsgesellschaften adäquat vergütet werden kann.

Kannst Du kurz etwas zur Produktion von ‘Utterly Heartbreaking’ sagen? Die Songs haben durch ihre Aufnahmeästhetik, ihren teils improvisierten Charakter und die Field Recordings etwas sehr intimes, persönliches … war das von Anfang an so geplant?

Wir wollten, dass es nahe an dem dran ist an dem, was man auf einem Konzert von uns bekommt. Generell mag ich es sehr, mit dem Mikrofon in den Mikrokosmos einzutauchen, die kleinsten Bewegungen der Finger auf den Saiten hörbar machen, das leiseste Knistern und Hauchen einzufangen. Bei den Field Recordings wollten wir, dass die Stimme so klingt als wäre sie im Wald eingesungen, also haben wir sie im Wald eingesungen :)  … zufälligerweise kam dann ein Mopedfahrer vorbei.

Old Splendifolia

Old Splendifolia: Jana Plewa (rechts) und F.S. Blumm. Bild: labelnetlabel.com

Einige Songs wie bspw. “Woman in the Reek” wirken stärker ausarrangiert … eine Richtung, in die es für ‘Old Splendifolie’ weitergehen könnte?

Momentan eher das Gegenteil: je freier die Stücke sind, desto stärker können wir mit ihnen spielen – und desto mehr machen wir Musik während wir Musik machen.

Vielen Dank für das Interview!