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Stadtrevue Netzmusik: Interview mit Ruben Jonas Schnell und Klaus Walter (ByteFM)


Dies ist die Langfassung eines Interviews, das ich mit Ruben Jonas Schnell und Klaus Walter für das  Stadtrevue KölnMagazin, Ausgabe Dezember 2016, geführt habe. Die kurze Version gibt es hier. B
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Es wird Zeit, über ByteFM zu berichten, den Internetsender, der 2008 von Ruben Jonas Schnell in Hamburg gegründet wurde, 2009 mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet wurde und uns die Art von gutem Musikjournalismus und Autorenradio bietet, die wir im Öffentlich-rechtlichen Hörfunk und Internet heute so vermissen. Sandra Zettpunkt (ex FSK/Sunday Service), Klaus Fiehe (WDR 1Live) und Klaus Walter (Ex-hr3, »Der Ball ist rund«) stehen stellvertretend für etwa hundert Musikjournalistinnen und -journalisten, die ihre Musik selbst aussuchen, auflegen und eigenwillige Sendungen produzieren – zumeist ehrenamtlich. Wir haben Ruben Jonas Schnell und Klaus Walter gefragt, wie das funktioniert.

Ruben, Du moderierst bis heute Freitagnachts den „Nachtclub“im NDR – was hat Dich 2008 zur Gründung von byteFM bewogen?

Das war in 2007, ich las in der Zeitung über die vielen Bürgerradios, hatte das früher auch mal gemacht und dachte mir: Es wäre doch toll, die guten Musikformate der jeweiligen Sender auf einer eigenen Plattform zu bündeln. Ich sprach dann Kolleginnen und Kollegen im Öffentlich-rechtlichen Rundfunk an und viele sagten sofort, dass sie dabei sind. Der Hintergrund ist ja: Ich liebe das, was ich beim NDR mache, habe da alle Freiheiten, doch die Sendung läuft nachts und ich hatte einfach das Gefühl – und die anderen mit mir – dass eine Plattform fehlte, die sich rund um die Uhr mit wertiger Popmusik auseinandersetzte.

Ruben Jonas Schnell, Musikjournalist, Gründer und Geschäftsführer von ByteFM

Ruben Jonas Schnell, Musikjournalist, Gründer und Geschäftsführer von ByteFM. Bild: ByteFM.

Der wirtschaftliche Gedanke stand nicht im Vordergrund. Für uns war ByteFM eher eine Spielwiese, um das zu machen, was wir von einem guten Musikradio erwarteten. Trotzdem brauchten wir natürlich Geld. Am Anfang hatten wir einen Sponsor ohne dessen Sockelbetrag wir nicht hätten starten können. Für mehr als die Studiomiete und die Streaming-Server reichte das aber nicht. Da wir auf jeden Fall werbefrei bleiben wollten, versuchten wir weitere Sponsoren für unsere Startseite im Web zu gewinnen, was aber nicht funktionierte. Und so hatte ein Freund und Kollege, Kurt Reinken, die Idee, den Förderverin „Freunde von ByteFM“ zu gründen. Eine Idee, die es schon vorher gab und die ich zunächst abtat, da ich mir sicher war, dass die Leute neben den GEZ-Gebühren nicht noch einmal Geld fürs Radio bezahlen wollen – eine Fehleinschätzung meinerseits!

Wann wurde der Verein gegründet und wieviele Mitglieder hat er heute?

2010, und er wurde super angenommen. Wir haben zur Zeit 4600 Mitglieder.

Das ist eine Menge. Mit 50 Euro im Jahr unterstützt man Euch nicht nur, sondern streamt in hoher Qualität, kann Sendungen herunterladen und vieles mehr …

Ich bin sehr zufrieden damit. Aber auch wenn die Summe der Beiträge gut klingt und für eine Person ein gewaltiges Jahreshonorar wäre, ist das für einen 24 Stunden am Tag operierenden Sender nicht besonders viel. Streaming, Technik, Produktion und Redaktion sind recht komplex und kostenintensiv.

Den Rest finanziert Ihr …?

… über Partnerschaften und Sponsoren, das geht von Getränkeherstellern, die auf Programmheften und Flyern für Konzerte auftauchen, über die Elbphilharmonie in Hamburg bis hin zu Medienpartnerschaften.

Wie sieht es mit den Musikjournalisten, die von den Öffentlich-rechtlichen zu Euch kamen aus? Diese produzieren Woche für Woche hochwertige Sendungen, die Ihr nicht vergüten könnt. Magazinsendungen wie taz.mixtape oder ByteFM Magazin hingegen schon.

Die Unterscheidung ist folgende: Ist es eine Sendung, die die Autorin oder der Autor aus Leidenschaft macht und selbst produziert? Das können wir momentan leider noch nicht bezahlen. Oder ist es redaktionell gesteuert und erfüllt somit einen Dienst für ByteFM wie z.B. das ByteFM-Magazin: Das ist die Sendung, in die wir Konzertpräsentationen einbinden, in der wir das Album der Woche vorstellen. Oder auch „Neuland“, wo wir auch mal ein neues Mainstreamalbum besprechen würden, wenn es relevant ist. Sendungen also, die ganz wichtig dafür sind, dass wir unsere Leistungen gegenüber Kooperationspartnern, zum Beispiel Konzert-Veranstaltern, erfüllen. Und deshalb honoriert, allerdings auch nur in Form einer Aufwandsentschädigung. Mein Wunsch ist allerdings, dass die Autorensendungen alle bezahlt werden – dafür muss der Förderverein aber groß – also größer als jetzt – sein. Und es wird nie in dem Maßstab, in dem das beim Öffentlich-rechtlichen Rundfunk stattfindet, möglich sein.

Klaus Walter, Musikjournalist, Autor und Moderator, unter anderem für ByteFM. Bild: ByteFM.

Klaus Walter, Musikjournalist, Autor und Moderator, unter anderem für ByteFM. Bild: ByteFM.

Klaus, Deine Sendung „Was ist Musik?“ ist das prototypische Beispiel eines Autorenradioformats, das es so im öffentlichen Rundfunk nur noch sehr selten gibt: Recherche, Einordnung, Kontext, Politik, Hintergrund sind nur einige Stichworte, um sie zu beschreiben. Vor einiger Zeit hast Du Dich an Deine Hörerinnen und Hörer gewandt und ihnen erklårt, warum Du Deine Sendung auf eine Stunde gekürzt hast. Erklärst Du es unseren Leserinnen und Lesern auch? 

Das hat ganz klar mit den von Ruben angesprochenen fehlenden finanziellen Mitteln zu tun und damit, dass die Qualität meiner Sendungen darunter leidet. Heißt: Ich kann mich nicht so lange mit einer Sendung beschäftigen, wie ich das tun würde, wenn ich sie für den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk produzieren wuerde, denn der zahlt eben anders. Es bleibt immer eine gewisse Unzufriedenheit.

Trotz dieser nicht idealen Umstände produzierst Du Deine Sendung „Was ist Musik“ unbeirrt weiter – in gewohnt hoher Qualität, oft in mehreren Teilen, mit ausführlichen Interviews und begleitet von Hintergrundinfos und Transkripten – was treibt Dich da an?

Wenn ich mir meine Sendungen mal genauer anhöre, ist es oftmals leider so, dass mal ein krummer Schnitt oder eine holprige Formulierung drinbleibt. Ich formuliere häufig aus dem Stegreif, obwohl ich eigentlich ein Fan von Manuskripten bin. Wenn man komplexere Inhalte transportieren will und dazu noch viel Namedropping betreiben muss ist das schon sinnvoll, aber ich kann es mir bei vielen Sendungen, die ich für ByteFM mache, nicht leisten. Ein Dilemma: Die gewohnt hohe Qualität ist dann eben doch nicht so hoch, wie ich es gerne hätte.

Was micht antreibt ist natürlich trotzdem die Möglichkeit, es einfach machen zu können.  Ich habe in den letzten Jahren die Art und Weise der Sendung ziemlich verändert, das heißt ich produziere häufiger monothematische und vertiefende Sendungen. Es gab da beispielsweise drei Folgen, die sich mit der Band JaKönigJa und ihrem neuen Album „Emanzipation im Wald“ beschäftigten. Oder zwei Sendungen zum Schwabinggrad Ballett/Arrivati und ihrem Album “Beyond Welcome!”. Zu den Mekons, die mit „Existentialism“ eine interessante neue Platte mit dazugehörigen Buch rausgebracht haben, gibt es auch gleich zwei Sendungen. Das sind natürlich absolute Spielwiesen, die es so bei den Öffentlich-rechtlichen kaum oder eigentlich gar nicht mehr gibt. Ein wunderbares Privileg, das wir bei ByteFM haben.

Arbeitest Du noch für den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk?

Ja, viel. Meistens in Form von Beiträgen für Deutschlandradio Kultur, Deutschlandfunk, WDR, BR – dort mache ich öfter auch ganze Sendungen, beispielsweise im Nachtmix, und bis zur Abschaffung vor einem Jahr auch in der Nachtsession von null bis zwei Uhr. Tolle Sendezeit, tolle Spielwiese, leider nicht mehr da. Kürzlich habe ich in der Reihe Zündfunk Generator des BR ein Feature gemacht über den Umgang der Obamas mit der Popkultur.

Du bist bereits seit den 70er Jahren auch als Journalist für diverse Magazine und Tageszeitungen und hältst Vorträge – wie siehst Du medienübergreifend den Status des Popjournalismus (gerne in Deutschland sowie international)?

Ich antworte darauf meistens mit einem Zitat des Rappers Beans, der schon vor etwa 15 Jahren die Zeile „Too many MC’s and not enough listeners“ geprägt hat. Mit der Digitalisierung und dem allgemeinen technischen Fortschritt haben wir uns an Brechts Radiotheorie angenähert, wie er sie in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts postuliert hatte und in der alle gleichzeitig Hörer und Sender sein mögen, können, sollten. Was damals eine schöne Utopie war, ist heute ein Stück weit eingelös t– zum Teil allerdings auch gegen Interessen und Intention Brechts: Alle können senden, natürlich nicht nur im Radio, sondern auch auf anderen Kanälen. Es hören aber immer weniger Leute zu, es gibt immer weniger Austausch und auch die berühmten Gatekeeper gibt es nicht mehr. Den heutigen John Peel, der irgendetwas Neues durchsetzt, gibt es nicht mehr. Das ist vorbei, und wir können es auch nicht mehr rekonstruieren, darüber zu jammern bringt nichts. Deswegen sollten wir darauf schauen, welche Vorteile die neuen Möglichkeiten bieten: Podcast, Nachhören, wann immer ich es will, das sind tolle Errungenschaften, mit denen man die Leute punktgenau erreichen kann. Bei ByteFM zum Beispiel.

Du kritisierst, dass „ein Internetradio wie ByteFM im Bereich der Popkultur das leistet, was die gebührenfinanzierten Öffentlich-rechtlichen qua Auftrag leisten müssten – aber nur sehr eingeschränkt tun.“ Es ist offensichtlich, dass ByteFM das auch durch die Finanzierung seiner Unterstützer, den „Freunden von ByteFM“ nur eingeschränkt leisten kann – was denkst Du, wie es weitergehen kann?

Ich träume immer von einem reichen Mäzen, der ByteFM als sein Spielzeug finanziert, so wie Roman Abramovich sich einen Fussballverein leistet, aber ich fürchte der wird nicht kommen.

Eure Lieblingssendungen auf ByteFM?

Klaus: Ganz, ganz viele. Der geschätzte Kollege Jan Möller mit „Von Bullerbü nach Babylon“ fällt mir da zum Beispiel ein, das höre ich sehr gerne.

Ruben: Kann ich nicht sagen. Ich finde es super, ein Programm zu haben, bei dem ich selbst überrascht bin, immer wieder.

Eure Lieblingssendungen/-sender im deutschen und internationalen Radio?

Ruben: This American Life. Eine in Chicago produzierte Public Radio Show, die ich wirklich fast jede Woche höre. Ansonsten NDRInfo, Deutschlandradio Kultur und Deutschlandfunk. Gesprächssendungen, die dort laufen, wie die „Zwischentöne“. Sachen, die wir in der Form bei ByteFM nur ganz schwierig auf die Beine stellen können, da sie so wahnsinnig aufwändig sind, dass das auf Basis eines Ehrenamts so einfach nicht funktioniert.

Klaus: Da muss ich nochmal auf Beans und seine Zeile „Too many MC’s and not enough listeners“ zurückkommen:  Ich höre tatsächlich relativ wenig Radio, weil ich selber so viel produziere und sende. Sender aus der Ferne – in Deutschland gibt es da so ein Hauptstadt-Provinz-Gefälle. Der BR ist eine positive Ausnahme mit dem Zündfunk, da gibt es viele tolle Sendungen und Leute.

Ruben, Klaus: Was wünscht Ihr Euch für die Zukunft – persönlich als Musikjournalisten und für byteFM?

Klaus: Ich würde mir wünschen, dass es bei ByteFM für die Arbeit Geld gibt, respektive mehr Geld gibt, denn für einige Sendungen gibt es ja schon ein bisschen Geld, und das dadurch auch die Zukunft von ByteFM und des Musikjournalismus, der dort betrieben wird, gesichert wird. Um es noch utopischer zu formulieren: Ich wünsche mir, dass eines Tages ein noch besserer Musikjournalismus gewährleistet und finanziert werden könnte.

Ruben: Ich möchte gerne die Marke ByteFM weiter bekannt machen – ich glaube, dass das was wir machen trotz Spotify und anderer Dienste, die auch ich als Hörer nutze, einzigartig und hochwertig ist, und eine Nachfrage erfüllt. Trotzdem kennen uns zu wenige Leute. Noch 5000 Freunde mehr und wir können die Autorensendungen bezahlen.

ByteFM hören: www.byte.fm

SR Netzmusik 08/16: Hi-Five! (EardrumsPop), Imaski (Establishment Rec.), C-Doc: “Quit” (blocsonic)

(Erstveröffentlichung dieses Artikels im Stadtrevue KölnMagazin, Ausgabe August 2016 – bitte kauft oder abonniert die Print-Ausgabe, wenn Ihr eines der ältesten, unabhängigen Stadtmagazine Deutschlands unterstützen wollt).

Diverse: Hi-Five! (eardrumspop.com) Download

Erinnert sich noch jemand an Twee? Jene leicht süßliche Variante des Indiepops, die ihren Anfang in der 80ern mit der Veröffentlichung des mittlerweile legendären C86-Samplers der britischen Musikzeitschrift NME nahm, in den 90ern Ihren Höhepunkt fand, später immer weiter zerfaserte, und der schließlich Größen wie Brillant Corners, Magnetic Fields oder Pastels zugerechnet wurden?

Wie dem auch sei: Nachdem das alles nun schon ein Weilchen abgeebbt ist, haben sich diverse Netlabels des Genres angenommen. Eines davon ist EardrumsPop, gemacht von vier Leuten, die nur beim Vornamen genannt werden wollen und sich wie so oft über den europäischen Kontinent verteilen. Gestartet wurde das Label von Knut, der zunächst drei “Seasonal Compilations” veröffentlichte und mit der vierten, “Between Two Waves”, einen kleinen Erfolg einfuhr. Großen Wert legt das Labelteam, das zum Teil aus professionellen Illustratoren besteht, aufs Design und, ja, die liebevoll gestalten Cover heben sich wohltuend vom Netlabel-Einheitsbrei ab. Mit dem vor kurzem erschienenen, neuerlichen Sampler „Hi-Five!“ wird das fünfjährige Jubiläum des Labels gefeiert. Obwohl man die 38 (!) Songs im Grunde gut durchhören könnte, empfehlen wir die Rezeption in geringer Dosierung (Überzuckerungsgefahr).

Imaski: s/t (establishmentrecords.bandcamp.com)

Noch in der vorletzten Kolumne berichteten wir über Peter Kirns Projekt “Alchemic Harm” – und kommen nicht umhin nun schon wieder auf eine neue Veröffentlichung des umtriebigen Bloggers, Musiktechnologen und Musikers hinzuweisen, die auf seinem frisch gestarteten Label Establishment Records erscheint. Von ihm als ‚flirtatious, techno-tinged hyperreal pop’ bezeichnet, hören wir nervösen, samplebasierten wie von Androiden programmierten Techno, der, gekoppelt mit den parallel veröffentlichten Videos der Filmemacherin Anna Maria Olech, in der Tat heftigst “flirtet“ – und zwar mit Euch. Unbedingt ansehen. Und anhören.

P.S.: Establishment Records ‘is a new outlet from CDM (createdigitalmusic.com) supporting cross-genre and trans-media releases’ – sieht man, oder?!

C-Doc: “Quit” (blocsonic.com)

Obwohl nach recht konventionellen Downtempo-Mustern gestrickt hat es uns diese frisch veröffentlichte Maxi angetan – vermutlich ob eines schlichten Tricks des Produzenten, der angibt, das Werk sei eine Hommage an seinen Lieblingsfilm “Blade Runner“. Mal abgesehen davon, dass sowas bei uns als Science-Fiction-Fans meistens funktioniert, schafft es C-Doc durch clevere Arrangements und die Verquickung geschickt eingestreuter Dissonanzen mit gefälligeren Flächen spielend, die gewünschte Atmosphäre zu erzeugen. Am “Netlabel Day“, 14. Juli 2016 erschien nicht nur das volle Album von C-Doc. Blocsonic, das freundliche Netlabel aus Maine, USA, hat an diesem Tag noch einiges mehr veröffentlicht und und die “samplePack series“ mit CC-BY-lizenzierten, also frei verwendbaren Samples seiner Künstlerinnen und Künstler, gestartet.

Operation Naked

Ich habe Mario Sixtus’ ersten Spielfilm ‘Operation Naked’ (veröffentlicht im Februar 2016) erst vor ein paar Tagen über seinen Blogpost zum Ende des “klassischen” Elektrischen Reporters entdeckt und finde ihn ziemlich gut. Kurzweilig, unterhaltsam, kritisch und noch dazu unter CC lizenziert. Die Tatsache, dass die versammelten ZDF-Redaktionen – von Auslandsjournal über Heute bis WiSo – mitgemacht haben, ist einerseits ein großer Erfolg, hat andererseits aber den kleinen Nachteil, dass der Film einen ZDF-Promo-Beigeschmack hat. Mit Fake-Footage auch aus anderen Quellen wäre der Film eine noch bessere Mockumentary geworden.

Hier gucken oder runterladen: http://operationnaked.org

OPERATION NAKED from Mario Sixtus on Vimeo.

Bisschen Netzmusik – nachgereicht

SR_Magazin_Logo_rgbNachgereicht, wo ich gerade über LoFi-Künstler Jan Strach und sein neues Release auf clongclongmoo.org lese: Die SR Netzmusik vom November 2015 mit eben diesem Jan Strach, The Black Peguins, The Freak Fandango Orchestra und Jan Gründfeld – bitteschön: http://www.stadtrevue.de/archiv/archivartikel/7460-netzmusik/ (Klick auf die Releasetitel führt zum Download).

Nachtstück Records: Alchemic Harm (Stadtrevue Netzmusik, Juni 2016)

(Erstveröffentlichung im Stadtrevue KölnMagazin, Ausgabe Juni 2016 – bitte kauft oder abonniert die Print-Ausgabe, wenn Ihr eines der ältesten, unabhängigen Stadtmagazine Deutschlands unterstützen wollt).

Oft denken wir in letzter Zeit: Netlabels sind eigentlich tot. Und dann taucht das auf: Nachtstück Records aus Braga, Portugal, gegründet 2014 von Tiago Morais Morgado. Gefunden über einen Facebook-Post von Peter Kirn, der auf Nachtstück gerade unter dem Moniker Alchemic Harm zusammen mit Szilvia Lednitzky aka Lower Order Ethics eine gleichnamige digitale EP veröffentlicht hat. Wir hören übelst finsteren, freigeistig-experimentellen Ambient, von dem sich Ridley Scotts Sounddesigner demnächst bitte inspirieren lassen mögen.

Noch eindringlicher und spukiger macht die Musik, dass Lednitzky und Kirn mit ihrer Musik “Acoustics of Damage” heraufbeschwören — über die Gründe mehr weiter unten. Das Tolle ist: Zum Teil (Track vier, »Paradisaeidae«) ist das sogar tanzbar. Wir stellen uns, ohne es zu kennen, sowas wie das Berghain um 4 Uhr 30 an einem Sonntagmorgen vor.

Peter Kirn kennen wir als umtriebigen Blogger an der Schnittstelle von Musik und Technik (CDM — createdigitalmusic.com), Dinge-Erklärer (Workshops und Vorträge zu Musiktechnik, Sounddesign, Hacking), Space-Afficionado (“Space Science Sound System”) und als Musiker, solo oder mit Benjamin Weiss als Nerk / Kirn. Über Frau Lednitzky ist leider nicht viel rauszukriegen, außer dass sie Bookerin, Managerin und Spezialistin für elektronische Musik ist und als DJ ebenfalls unter dem Namen Lower Order Ethics auflegt und Musik produziert.

SR_Netzmusik_06-2016

Sämtliche auf Nachtstück Records veröffentlichte Musik steht unter Creative Commons-Lizenz und kann gratis oder — bevorzugt — gegen eine Spende für wechselnde wohltätige Zwecke heruntergeladen werden. Im Fall “Alchemic Harm” kommen diese der Tinnitus Research Initiative (tinnitusresearch.org) zugute, um das zu schützen, was uns allen so wichtig ist: das Hören. Bisherige Spenden gingen aber auch an UNICEF oder die Processing Foundation, die die gleichnamige Open Source-Programmiersprache unterstützt, die in den elektronischen Künsten zum Einsatz kommt.

Spukig: Alchemic Harm EP

Spukig: Alchemic Harm EP

Musikalisch gibt es auf Nachtstück noch viel mehr zu entdecken: Stockhausens “Sirius”, interpretiert vom Taller-Ciclo-Kollektiv aus Chile; experimentelle Solo-Bratsche oder Elektronik-Experimente vom Labelmacher Tiago Morais Morgado. Einmal durch den Label-Katalog klicken lohnt sich, nicht nur für Experimental-Liebhaber.

Wir müssen übers Remixen reden
(Interview mit Leonhard Dobusch, Stadtrevue Netzmusik, April 2016)

Der Netzaktivist Leonhard Dobusch will das Urheberrecht der Remixkultur anpassen

(Erstveröffentlichung im Stadtrevue KölnMagazin, Ausgabe April 2016 – bitte kauft oder abonniert die Print-Ausgabe, wenn Ihr eines der ältesten, unabhängigen Stadtmagazine Deutschlands unterstützen wollt).

So ziemlich genau vor einem Jahr (Netzmusik #28, StadtRevue Februar 2015) versprachen wir, uns des Remix-Themas anzunehmen. Heute machen wir das, und zwar im Interview mit Leonhard Dobusch, der gemeinsam mit Markus Beckedahl und anderen im Jahr 2013 die Initiative RechtAufRemix.org gegründet hat.

Eure Initiative wurde mit einigem Aufwand in Form zeitgemäßer digitaler Kommunikation ins Leben gerufen und hat seitdem einiges an Aufmerksamkeit erfahren. Wie kam es zur Gründung, wer war der Treiber, was hat den Ausschlag gegeben?

Die Idee entstand im Rahmen des Digitale Gesellschaft e.V. aus Anlass der damals anstehenden Evaluierung der EU-Urheberrechtsrichtlinie. Für den Digitale Gesellschaft e.V. war und ist Urheberrecht immer eines der zentralen Themenfelder, weil offener Zugang zu Wissen und Kultur im Netz stark von urheberrechtlichen Regelungen abhängt. Bei der Verabschiedung der noch aktuellen Urheberrechtsrichtlinie im Jahr 2001 gab es weder Facebook noch YouTube. Dementsprechend einseitig und unzeitgemäß sieht das europäische Urheberrecht auch aus. Die Initiative »Recht auf Remix« war deshalb von Anfang an längerfristig ausgelegt und soll den derzeit laufenden Reformprozess des Urheberrechts in Deutschland und Europa konstruktiv begleiten.

Wie beurteilst du das bisher Erreichte und den Status Quo eures wichtigsten Ziels, eines europaweit gültigen Rechts auf Remix?

Wir haben bewusst Forderungen für die europäische als auch die deutsche Ebene formuliert. Natürlich wäre uns eine flexible Ausnahme für Remixkultur im EU-Urheberrrecht am liebsten, zum Beispiel nach Vorbild der Fair-Use-Klausel im US-Copyright, allerdings gekoppelt mit einer pauschalen Vergütung für die Künstler. Aber auch in Deutschland gibt es Spielräume, um das Urheberrecht besser mit Remixkultur kompatibel zu machen. Beispielsweise ließe sich das viel zu restriktive Zitatrecht flexibilisieren, sodass auch Bild-, Musik- und Filmzitate – etwa in Memes – leichter möglich wären. Österreich ist im Rahmen seiner letzten Urheberrechtsnovelle bereits einen Schritt in diese Richtung gegangen.

Welche Rolle könnten Creative-Commons-Lizenzen spielen?

Wir haben zu Creative Commons einen eigenen Punkt in unseren FAQs, wenn ich daraus zitieren darf: »Prinzipiell ist Creative Commons eine gute Option, um anderen den Remix der eigenen Werke zu erleichtern. Ein gesetzliches Recht auf Remix kann Creative Commons aber jedoch aus einer Reihe von Gründen nicht ersetzen: Erstens: Der Pool an Werken, die zum Remix zur Verfügung stehen, wäre auf Creative-Commons-lizenzierte Werke beschränkt. Zweitens: Viele Kunstschaffende, die Mitglied von Verwertungsgesellschaften wie z.B. der GEMA sind, dürfen keine einzelnen Werke unter Creative Commons veröffentlichen. Drittens: Zentrales Merkmal der Remixkultur ist die umgestaltende und kreative Nutzung von Artefakten der Mainstream-Kultur, die in der Regel gerade nicht unter Creative Commons veröffentlicht werden.«

Wir brauchen also so etwas ein Fair-Use-Prinzip nach US-amerikanischem Vorbild. Wäre das im europäischen oder im deutschen Rechtsraum überhaupt abzubilden?

Auf Perspektive werden wir um ein Pendant zu Fair Use in Europa nicht herumkommen. Unser bestehendes System aus spezifischen, so genannten Schranken- und Ausnahmebestimmungen ist einfach zu starr und zu wenig innovationsoffen.

Mit Schranken ist der Ausgleich von Interessen des Urhebers und des Nutzers gemeint?

Genau. Mit »Recht auf Remix« treten wir für eine Lösung ein, das vorhandene System um eine Art offene Schranke nach Fair-Use-Vorbild zu erweitern. Damit das aber funktionieren kann und nicht zu einer noch weiteren Zersplitterung des EU-Urheberrechts führt, müssen dafür zunächst die Ausnahmeregelungen harmonisiert und verbindlich gemacht werden. Wir freuen uns deshalb darüber, dass der zuständige EU-Kommissar Oettinger die Idee einer einheitlichen, unmittelbar gültigen EU-Urheberrechtsverordnung aufgeworfen hat. Auch wenn das kurzfristig unrealistisch
ist, mittel- bis langfristig muss eine Verordnung das Ziel sein.

Kannst Du uns ein aktuelles Beispiel einer Abmahnung wegen nicht legaler Nutzung von Samples nennen?

Die größten Probleme haben mit Sicherheit Remix- und Mashup-Künstler wie zum Beispiel Mashup Germany, dessen Soundcloud-Account mit über 100.000 Followern kürzlich gelöscht wurde. Ihm fällt es sogar schwer, seine Kunst überhaupt öffentlich zugänglich zu machen, von kommerzieller Verwertung gar nicht erst zu sprechen. Aber Abmahnungen sind eigentlich das kleinere Problem. Das größere ist, dass viele kreative Werke nie entstehen oder gar nicht veröffentlicht werden, weil den Kreativen das rechtliche Risiko, die Kosten und der Aufwand der Rechteklärung viel zu hoch sind. Genau deshalb wünschen wir uns eine Lösung, die letztlich auf Regelungen wie jene bei Cover-Versionen hinausläuft. Cover-Versionen können auch ohne aufwändige Rechteklärung prob- lemlos veröffentlicht und sogar verwertet werden.

Interview: Marco Trovatello Foto: Dominik Landwehr

Leonhard Dobusch forscht als Universitätsprofessor für Organisation an der Universität Innsbruck unter anderem zum Management digitaler Gemeinschaften und transnationaler Urheberrechtsregulierung. Er twittert als @leonidobusch und bloggt privat sowie gemeinsam mit anderen auf dem englischsprachigen Forschungsblog governance across borders sowie auf netzpolitik.org.

Jess Lemont (Stadtrevue Netzmusik #39, Februar 2016)

Erstveröffentlichung im Stadtrevue KölnMagazin, Ausgabe Februar 2016

Jess Lemont:
A Truly Fun Place (Happy Puppy Rec.)
y las Dos hipopótamos
The Tiny Album (bandcamp)

Be a Waterwolf: diverse (Soundcloud)
Splicey and Trackey: Country Noises / Horses, Horses . . . Horses! (bandcamp)

Jess Lemont

Jess Lemont. Quelle: Bandcamp.

Sehr unterschiedliche Musik von ein und derselben Person: Jess Lemont aus Milwaukee, USA. Lee Rosevere vom kanadischen Happy Puppy Label hat ein Händchen für tolles, obskures Zeugs – das wissen Stadtrevue Netzmusik-Leserinnen und –Leser bereits seit unserer Besprechung des wunderbaren „Manos – The Hands of Fate“ Soundtracks in Ausgabe  12/2013. Über Jess Lemonts aktuelle Releases im Netz stolpernd und die Idee verfolgend, davon einige Tracks auf seinem Label zu rauszubringen, bot die Musikerin Rosevere stattdessen Stücke einer selbstveröffentlichten CD aus dem Jahr 2003 an – beziehungsweise das, was davon noch zu retten war – die ursprünglichen Aufnahmemedien konnten nur teilweise wiederhergestellt werden.

Auf „A Truly Fun Place“ ist die Multiinstrumentalistin nicht nur für fast jeden der handgemachten Sounds selbst verantwortlich; auch möchte ich darum bitten, dass Psychedelic Soul-Papst Adrian Younge ob der authentischen Lo-Fi Produktion und Lemonts überbordender Kreativität in Ehrfurcht erstarren möge. Das Album ist auf der einen Seite ein Mix aus Slacker-Indierock, Jazz und Soul – und erzeugt andererseits eine derart gespenstische Atmosphäre, dass es eine schaurige Freude ist. Jazzige Pianoparts treffen auf offen ge- oder besser: verstimmte Gitarren, düstere Synths und entrückten Gesang. Wie gemacht für Klaus Walters nächste Hauntology-Episode auf ByteFM, auch Broadcast bzw. Trish Keenan winken kurz – und doch ist das Ganze eben Jess Lemont.

Jess Lemont

Jess Lemont. Quelle: twitter.com/brewcrewjess

Ihr Repertoire hat sich in den vergangen zwölf Jahren stark in Richtung Jazz bewegt: Unter ihrem eigenen Namen veröffentlicht Lemont Free Jazz mit Tenorsaxophon und Schlagzeug – ebenfalls alles selbst eingespielt (aktuelle Releases: „… y las Dos hipopótamos“ und „The Tiny Album“ auf bandcamp). Als „Be a Waterwolf“ gibt es auf Soundcloud improvisierte, multiinstrumentale, von ihr als „Glitch Jazz“ bezeichnete Musik, bei der neben Gitarren auch mit Stricknadeln gespielte Xylophone zum Einsatz kommen. Im Duo Splicey and Tracky, das beim Haze Netlabel veröffentlicht, hören wir eine Art sphärischen, elektronischen Improv-Jazz, in dem neben Kontrabass, diversen Stabspielen, Blasinstrumenten und Software auch wieder ihre Stimme zum Einsatz kommt. Ihr seht: es ist wirklich nicht leicht, den Überblick zu behalten.

In ihrer Twitter-Bio schreibt Jess Lemont, dass sie Musikerin ist und es liebt, „ihren Hund auszuführen und autistisch zu sein.“ Auf ihrer Bandcamp-Seite ergänzt sie: „Die Downloads sind für gewöhnlich umsonst, aber zieht bitte für das, was ihr normalerweise für Jess’ Musik gegeben hättet, eine Spende an http://www.asw4autism.org/giving-opportunities.html in Betracht – danke! Jess ist eine lokale Multi-Tracking Multiinstrumentalistin mit einem gewissen Grad des Savant-Syndroms, das sehr hilfreich für ihren Antrieb des Musikmachens ist, und daher ist sie dankbar für dieses Syndrom.“ Dann mal los: Spendet für diese tolle, freie Musik.

“Bluehlicht” – überarbeitete version

OvalDNA

OvalDNA. Photo: CC BY-SA M. Trovatello

Eine überarbeitete Version des Tracks ‘Bluehlicht’, den ich im vergangenen Jahr schon einmal auf Soundcloud veröffentlicht hatte. Er ist Teil eines Mini-Albums, das irgendwann in 2015 erscheinen wird. Ich hoffe über Weihnachten die letzten Tracks fertigstellen zu können. Der dem Track zugrundliegende Loop stammt von OvalDNA, mit freundlicher Genehmigung von Barry Threw (“samples in OvalDNA are completely free to use”).