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Stadtrevue Netzmusik: Interview mit Ruben Jonas Schnell und Klaus Walter (ByteFM)


Dies ist die Langfassung eines Interviews, das ich mit Ruben Jonas Schnell und Klaus Walter für das  Stadtrevue KölnMagazin, Ausgabe Dezember 2016, geführt habe. Die kurze Version gibt es hier. B
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Es wird Zeit, über ByteFM zu berichten, den Internetsender, der 2008 von Ruben Jonas Schnell in Hamburg gegründet wurde, 2009 mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet wurde und uns die Art von gutem Musikjournalismus und Autorenradio bietet, die wir im Öffentlich-rechtlichen Hörfunk und Internet heute so vermissen. Sandra Zettpunkt (ex FSK/Sunday Service), Klaus Fiehe (WDR 1Live) und Klaus Walter (Ex-hr3, »Der Ball ist rund«) stehen stellvertretend für etwa hundert Musikjournalistinnen und -journalisten, die ihre Musik selbst aussuchen, auflegen und eigenwillige Sendungen produzieren – zumeist ehrenamtlich. Wir haben Ruben Jonas Schnell und Klaus Walter gefragt, wie das funktioniert.

Ruben, Du moderierst bis heute Freitagnachts den „Nachtclub“im NDR – was hat Dich 2008 zur Gründung von byteFM bewogen?

Das war in 2007, ich las in der Zeitung über die vielen Bürgerradios, hatte das früher auch mal gemacht und dachte mir: Es wäre doch toll, die guten Musikformate der jeweiligen Sender auf einer eigenen Plattform zu bündeln. Ich sprach dann Kolleginnen und Kollegen im Öffentlich-rechtlichen Rundfunk an und viele sagten sofort, dass sie dabei sind. Der Hintergrund ist ja: Ich liebe das, was ich beim NDR mache, habe da alle Freiheiten, doch die Sendung läuft nachts und ich hatte einfach das Gefühl – und die anderen mit mir – dass eine Plattform fehlte, die sich rund um die Uhr mit wertiger Popmusik auseinandersetzte.

Ruben Jonas Schnell, Musikjournalist, Gründer und Geschäftsführer von ByteFM

Ruben Jonas Schnell, Musikjournalist, Gründer und Geschäftsführer von ByteFM. Bild: ByteFM.

Der wirtschaftliche Gedanke stand nicht im Vordergrund. Für uns war ByteFM eher eine Spielwiese, um das zu machen, was wir von einem guten Musikradio erwarteten. Trotzdem brauchten wir natürlich Geld. Am Anfang hatten wir einen Sponsor ohne dessen Sockelbetrag wir nicht hätten starten können. Für mehr als die Studiomiete und die Streaming-Server reichte das aber nicht. Da wir auf jeden Fall werbefrei bleiben wollten, versuchten wir weitere Sponsoren für unsere Startseite im Web zu gewinnen, was aber nicht funktionierte. Und so hatte ein Freund und Kollege, Kurt Reinken, die Idee, den Förderverin „Freunde von ByteFM“ zu gründen. Eine Idee, die es schon vorher gab und die ich zunächst abtat, da ich mir sicher war, dass die Leute neben den GEZ-Gebühren nicht noch einmal Geld fürs Radio bezahlen wollen – eine Fehleinschätzung meinerseits!

Wann wurde der Verein gegründet und wieviele Mitglieder hat er heute?

2010, und er wurde super angenommen. Wir haben zur Zeit 4600 Mitglieder.

Das ist eine Menge. Mit 50 Euro im Jahr unterstützt man Euch nicht nur, sondern streamt in hoher Qualität, kann Sendungen herunterladen und vieles mehr …

Ich bin sehr zufrieden damit. Aber auch wenn die Summe der Beiträge gut klingt und für eine Person ein gewaltiges Jahreshonorar wäre, ist das für einen 24 Stunden am Tag operierenden Sender nicht besonders viel. Streaming, Technik, Produktion und Redaktion sind recht komplex und kostenintensiv.

Den Rest finanziert Ihr …?

… über Partnerschaften und Sponsoren, das geht von Getränkeherstellern, die auf Programmheften und Flyern für Konzerte auftauchen, über die Elbphilharmonie in Hamburg bis hin zu Medienpartnerschaften.

Wie sieht es mit den Musikjournalisten, die von den Öffentlich-rechtlichen zu Euch kamen aus? Diese produzieren Woche für Woche hochwertige Sendungen, die Ihr nicht vergüten könnt. Magazinsendungen wie taz.mixtape oder ByteFM Magazin hingegen schon.

Die Unterscheidung ist folgende: Ist es eine Sendung, die die Autorin oder der Autor aus Leidenschaft macht und selbst produziert? Das können wir momentan leider noch nicht bezahlen. Oder ist es redaktionell gesteuert und erfüllt somit einen Dienst für ByteFM wie z.B. das ByteFM-Magazin: Das ist die Sendung, in die wir Konzertpräsentationen einbinden, in der wir das Album der Woche vorstellen. Oder auch „Neuland“, wo wir auch mal ein neues Mainstreamalbum besprechen würden, wenn es relevant ist. Sendungen also, die ganz wichtig dafür sind, dass wir unsere Leistungen gegenüber Kooperationspartnern, zum Beispiel Konzert-Veranstaltern, erfüllen. Und deshalb honoriert, allerdings auch nur in Form einer Aufwandsentschädigung. Mein Wunsch ist allerdings, dass die Autorensendungen alle bezahlt werden – dafür muss der Förderverein aber groß – also größer als jetzt – sein. Und es wird nie in dem Maßstab, in dem das beim Öffentlich-rechtlichen Rundfunk stattfindet, möglich sein.

Klaus Walter, Musikjournalist, Autor und Moderator, unter anderem für ByteFM. Bild: ByteFM.

Klaus Walter, Musikjournalist, Autor und Moderator, unter anderem für ByteFM. Bild: ByteFM.

Klaus, Deine Sendung „Was ist Musik?“ ist das prototypische Beispiel eines Autorenradioformats, das es so im öffentlichen Rundfunk nur noch sehr selten gibt: Recherche, Einordnung, Kontext, Politik, Hintergrund sind nur einige Stichworte, um sie zu beschreiben. Vor einiger Zeit hast Du Dich an Deine Hörerinnen und Hörer gewandt und ihnen erklårt, warum Du Deine Sendung auf eine Stunde gekürzt hast. Erklärst Du es unseren Leserinnen und Lesern auch? 

Das hat ganz klar mit den von Ruben angesprochenen fehlenden finanziellen Mitteln zu tun und damit, dass die Qualität meiner Sendungen darunter leidet. Heißt: Ich kann mich nicht so lange mit einer Sendung beschäftigen, wie ich das tun würde, wenn ich sie für den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk produzieren wuerde, denn der zahlt eben anders. Es bleibt immer eine gewisse Unzufriedenheit.

Trotz dieser nicht idealen Umstände produzierst Du Deine Sendung „Was ist Musik“ unbeirrt weiter – in gewohnt hoher Qualität, oft in mehreren Teilen, mit ausführlichen Interviews und begleitet von Hintergrundinfos und Transkripten – was treibt Dich da an?

Wenn ich mir meine Sendungen mal genauer anhöre, ist es oftmals leider so, dass mal ein krummer Schnitt oder eine holprige Formulierung drinbleibt. Ich formuliere häufig aus dem Stegreif, obwohl ich eigentlich ein Fan von Manuskripten bin. Wenn man komplexere Inhalte transportieren will und dazu noch viel Namedropping betreiben muss ist das schon sinnvoll, aber ich kann es mir bei vielen Sendungen, die ich für ByteFM mache, nicht leisten. Ein Dilemma: Die gewohnt hohe Qualität ist dann eben doch nicht so hoch, wie ich es gerne hätte.

Was micht antreibt ist natürlich trotzdem die Möglichkeit, es einfach machen zu können.  Ich habe in den letzten Jahren die Art und Weise der Sendung ziemlich verändert, das heißt ich produziere häufiger monothematische und vertiefende Sendungen. Es gab da beispielsweise drei Folgen, die sich mit der Band JaKönigJa und ihrem neuen Album „Emanzipation im Wald“ beschäftigten. Oder zwei Sendungen zum Schwabinggrad Ballett/Arrivati und ihrem Album “Beyond Welcome!”. Zu den Mekons, die mit „Existentialism“ eine interessante neue Platte mit dazugehörigen Buch rausgebracht haben, gibt es auch gleich zwei Sendungen. Das sind natürlich absolute Spielwiesen, die es so bei den Öffentlich-rechtlichen kaum oder eigentlich gar nicht mehr gibt. Ein wunderbares Privileg, das wir bei ByteFM haben.

Arbeitest Du noch für den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk?

Ja, viel. Meistens in Form von Beiträgen für Deutschlandradio Kultur, Deutschlandfunk, WDR, BR – dort mache ich öfter auch ganze Sendungen, beispielsweise im Nachtmix, und bis zur Abschaffung vor einem Jahr auch in der Nachtsession von null bis zwei Uhr. Tolle Sendezeit, tolle Spielwiese, leider nicht mehr da. Kürzlich habe ich in der Reihe Zündfunk Generator des BR ein Feature gemacht über den Umgang der Obamas mit der Popkultur.

Du bist bereits seit den 70er Jahren auch als Journalist für diverse Magazine und Tageszeitungen und hältst Vorträge – wie siehst Du medienübergreifend den Status des Popjournalismus (gerne in Deutschland sowie international)?

Ich antworte darauf meistens mit einem Zitat des Rappers Beans, der schon vor etwa 15 Jahren die Zeile „Too many MC’s and not enough listeners“ geprägt hat. Mit der Digitalisierung und dem allgemeinen technischen Fortschritt haben wir uns an Brechts Radiotheorie angenähert, wie er sie in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts postuliert hatte und in der alle gleichzeitig Hörer und Sender sein mögen, können, sollten. Was damals eine schöne Utopie war, ist heute ein Stück weit eingelös t– zum Teil allerdings auch gegen Interessen und Intention Brechts: Alle können senden, natürlich nicht nur im Radio, sondern auch auf anderen Kanälen. Es hören aber immer weniger Leute zu, es gibt immer weniger Austausch und auch die berühmten Gatekeeper gibt es nicht mehr. Den heutigen John Peel, der irgendetwas Neues durchsetzt, gibt es nicht mehr. Das ist vorbei, und wir können es auch nicht mehr rekonstruieren, darüber zu jammern bringt nichts. Deswegen sollten wir darauf schauen, welche Vorteile die neuen Möglichkeiten bieten: Podcast, Nachhören, wann immer ich es will, das sind tolle Errungenschaften, mit denen man die Leute punktgenau erreichen kann. Bei ByteFM zum Beispiel.

Du kritisierst, dass „ein Internetradio wie ByteFM im Bereich der Popkultur das leistet, was die gebührenfinanzierten Öffentlich-rechtlichen qua Auftrag leisten müssten – aber nur sehr eingeschränkt tun.“ Es ist offensichtlich, dass ByteFM das auch durch die Finanzierung seiner Unterstützer, den „Freunden von ByteFM“ nur eingeschränkt leisten kann – was denkst Du, wie es weitergehen kann?

Ich träume immer von einem reichen Mäzen, der ByteFM als sein Spielzeug finanziert, so wie Roman Abramovich sich einen Fussballverein leistet, aber ich fürchte der wird nicht kommen.

Eure Lieblingssendungen auf ByteFM?

Klaus: Ganz, ganz viele. Der geschätzte Kollege Jan Möller mit „Von Bullerbü nach Babylon“ fällt mir da zum Beispiel ein, das höre ich sehr gerne.

Ruben: Kann ich nicht sagen. Ich finde es super, ein Programm zu haben, bei dem ich selbst überrascht bin, immer wieder.

Eure Lieblingssendungen/-sender im deutschen und internationalen Radio?

Ruben: This American Life. Eine in Chicago produzierte Public Radio Show, die ich wirklich fast jede Woche höre. Ansonsten NDRInfo, Deutschlandradio Kultur und Deutschlandfunk. Gesprächssendungen, die dort laufen, wie die „Zwischentöne“. Sachen, die wir in der Form bei ByteFM nur ganz schwierig auf die Beine stellen können, da sie so wahnsinnig aufwändig sind, dass das auf Basis eines Ehrenamts so einfach nicht funktioniert.

Klaus: Da muss ich nochmal auf Beans und seine Zeile „Too many MC’s and not enough listeners“ zurückkommen:  Ich höre tatsächlich relativ wenig Radio, weil ich selber so viel produziere und sende. Sender aus der Ferne – in Deutschland gibt es da so ein Hauptstadt-Provinz-Gefälle. Der BR ist eine positive Ausnahme mit dem Zündfunk, da gibt es viele tolle Sendungen und Leute.

Ruben, Klaus: Was wünscht Ihr Euch für die Zukunft – persönlich als Musikjournalisten und für byteFM?

Klaus: Ich würde mir wünschen, dass es bei ByteFM für die Arbeit Geld gibt, respektive mehr Geld gibt, denn für einige Sendungen gibt es ja schon ein bisschen Geld, und das dadurch auch die Zukunft von ByteFM und des Musikjournalismus, der dort betrieben wird, gesichert wird. Um es noch utopischer zu formulieren: Ich wünsche mir, dass eines Tages ein noch besserer Musikjournalismus gewährleistet und finanziert werden könnte.

Ruben: Ich möchte gerne die Marke ByteFM weiter bekannt machen – ich glaube, dass das was wir machen trotz Spotify und anderer Dienste, die auch ich als Hörer nutze, einzigartig und hochwertig ist, und eine Nachfrage erfüllt. Trotzdem kennen uns zu wenige Leute. Noch 5000 Freunde mehr und wir können die Autorensendungen bezahlen.

ByteFM hören: www.byte.fm

SR Netzmusik 08/16: Hi-Five! (EardrumsPop), Imaski (Establishment Rec.), C-Doc: “Quit” (blocsonic)

(Erstveröffentlichung dieses Artikels im Stadtrevue KölnMagazin, Ausgabe August 2016 – bitte kauft oder abonniert die Print-Ausgabe, wenn Ihr eines der ältesten, unabhängigen Stadtmagazine Deutschlands unterstützen wollt).

Diverse: Hi-Five! (eardrumspop.com) Download

Erinnert sich noch jemand an Twee? Jene leicht süßliche Variante des Indiepops, die ihren Anfang in der 80ern mit der Veröffentlichung des mittlerweile legendären C86-Samplers der britischen Musikzeitschrift NME nahm, in den 90ern Ihren Höhepunkt fand, später immer weiter zerfaserte, und der schließlich Größen wie Brillant Corners, Magnetic Fields oder Pastels zugerechnet wurden?

Wie dem auch sei: Nachdem das alles nun schon ein Weilchen abgeebbt ist, haben sich diverse Netlabels des Genres angenommen. Eines davon ist EardrumsPop, gemacht von vier Leuten, die nur beim Vornamen genannt werden wollen und sich wie so oft über den europäischen Kontinent verteilen. Gestartet wurde das Label von Knut, der zunächst drei “Seasonal Compilations” veröffentlichte und mit der vierten, “Between Two Waves”, einen kleinen Erfolg einfuhr. Großen Wert legt das Labelteam, das zum Teil aus professionellen Illustratoren besteht, aufs Design und, ja, die liebevoll gestalten Cover heben sich wohltuend vom Netlabel-Einheitsbrei ab. Mit dem vor kurzem erschienenen, neuerlichen Sampler „Hi-Five!“ wird das fünfjährige Jubiläum des Labels gefeiert. Obwohl man die 38 (!) Songs im Grunde gut durchhören könnte, empfehlen wir die Rezeption in geringer Dosierung (Überzuckerungsgefahr).

Imaski: s/t (establishmentrecords.bandcamp.com)

Noch in der vorletzten Kolumne berichteten wir über Peter Kirns Projekt “Alchemic Harm” – und kommen nicht umhin nun schon wieder auf eine neue Veröffentlichung des umtriebigen Bloggers, Musiktechnologen und Musikers hinzuweisen, die auf seinem frisch gestarteten Label Establishment Records erscheint. Von ihm als ‚flirtatious, techno-tinged hyperreal pop’ bezeichnet, hören wir nervösen, samplebasierten wie von Androiden programmierten Techno, der, gekoppelt mit den parallel veröffentlichten Videos der Filmemacherin Anna Maria Olech, in der Tat heftigst “flirtet“ – und zwar mit Euch. Unbedingt ansehen. Und anhören.

P.S.: Establishment Records ‘is a new outlet from CDM (createdigitalmusic.com) supporting cross-genre and trans-media releases’ – sieht man, oder?!

C-Doc: “Quit” (blocsonic.com)

Obwohl nach recht konventionellen Downtempo-Mustern gestrickt hat es uns diese frisch veröffentlichte Maxi angetan – vermutlich ob eines schlichten Tricks des Produzenten, der angibt, das Werk sei eine Hommage an seinen Lieblingsfilm “Blade Runner“. Mal abgesehen davon, dass sowas bei uns als Science-Fiction-Fans meistens funktioniert, schafft es C-Doc durch clevere Arrangements und die Verquickung geschickt eingestreuter Dissonanzen mit gefälligeren Flächen spielend, die gewünschte Atmosphäre zu erzeugen. Am “Netlabel Day“, 14. Juli 2016 erschien nicht nur das volle Album von C-Doc. Blocsonic, das freundliche Netlabel aus Maine, USA, hat an diesem Tag noch einiges mehr veröffentlicht und und die “samplePack series“ mit CC-BY-lizenzierten, also frei verwendbaren Samples seiner Künstlerinnen und Künstler, gestartet.

Bisschen Netzmusik – nachgereicht

SR_Magazin_Logo_rgbNachgereicht, wo ich gerade über LoFi-Künstler Jan Strach und sein neues Release auf clongclongmoo.org lese: Die SR Netzmusik vom November 2015 mit eben diesem Jan Strach, The Black Peguins, The Freak Fandango Orchestra und Jan Gründfeld – bitteschön: http://www.stadtrevue.de/archiv/archivartikel/7460-netzmusik/ (Klick auf die Releasetitel führt zum Download).

Nachtstück Records: Alchemic Harm (Stadtrevue Netzmusik, Juni 2016)

(Erstveröffentlichung im Stadtrevue KölnMagazin, Ausgabe Juni 2016 – bitte kauft oder abonniert die Print-Ausgabe, wenn Ihr eines der ältesten, unabhängigen Stadtmagazine Deutschlands unterstützen wollt).

Oft denken wir in letzter Zeit: Netlabels sind eigentlich tot. Und dann taucht das auf: Nachtstück Records aus Braga, Portugal, gegründet 2014 von Tiago Morais Morgado. Gefunden über einen Facebook-Post von Peter Kirn, der auf Nachtstück gerade unter dem Moniker Alchemic Harm zusammen mit Szilvia Lednitzky aka Lower Order Ethics eine gleichnamige digitale EP veröffentlicht hat. Wir hören übelst finsteren, freigeistig-experimentellen Ambient, von dem sich Ridley Scotts Sounddesigner demnächst bitte inspirieren lassen mögen.

Noch eindringlicher und spukiger macht die Musik, dass Lednitzky und Kirn mit ihrer Musik “Acoustics of Damage” heraufbeschwören — über die Gründe mehr weiter unten. Das Tolle ist: Zum Teil (Track vier, »Paradisaeidae«) ist das sogar tanzbar. Wir stellen uns, ohne es zu kennen, sowas wie das Berghain um 4 Uhr 30 an einem Sonntagmorgen vor.

Peter Kirn kennen wir als umtriebigen Blogger an der Schnittstelle von Musik und Technik (CDM — createdigitalmusic.com), Dinge-Erklärer (Workshops und Vorträge zu Musiktechnik, Sounddesign, Hacking), Space-Afficionado (“Space Science Sound System”) und als Musiker, solo oder mit Benjamin Weiss als Nerk / Kirn. Über Frau Lednitzky ist leider nicht viel rauszukriegen, außer dass sie Bookerin, Managerin und Spezialistin für elektronische Musik ist und als DJ ebenfalls unter dem Namen Lower Order Ethics auflegt und Musik produziert.

SR_Netzmusik_06-2016

Sämtliche auf Nachtstück Records veröffentlichte Musik steht unter Creative Commons-Lizenz und kann gratis oder — bevorzugt — gegen eine Spende für wechselnde wohltätige Zwecke heruntergeladen werden. Im Fall “Alchemic Harm” kommen diese der Tinnitus Research Initiative (tinnitusresearch.org) zugute, um das zu schützen, was uns allen so wichtig ist: das Hören. Bisherige Spenden gingen aber auch an UNICEF oder die Processing Foundation, die die gleichnamige Open Source-Programmiersprache unterstützt, die in den elektronischen Künsten zum Einsatz kommt.

Spukig: Alchemic Harm EP

Spukig: Alchemic Harm EP

Musikalisch gibt es auf Nachtstück noch viel mehr zu entdecken: Stockhausens “Sirius”, interpretiert vom Taller-Ciclo-Kollektiv aus Chile; experimentelle Solo-Bratsche oder Elektronik-Experimente vom Labelmacher Tiago Morais Morgado. Einmal durch den Label-Katalog klicken lohnt sich, nicht nur für Experimental-Liebhaber.

Jess Lemont (Stadtrevue Netzmusik #39, Februar 2016)

Erstveröffentlichung im Stadtrevue KölnMagazin, Ausgabe Februar 2016

Jess Lemont:
A Truly Fun Place (Happy Puppy Rec.)
y las Dos hipopótamos
The Tiny Album (bandcamp)

Be a Waterwolf: diverse (Soundcloud)
Splicey and Trackey: Country Noises / Horses, Horses . . . Horses! (bandcamp)

Jess Lemont

Jess Lemont. Quelle: Bandcamp.

Sehr unterschiedliche Musik von ein und derselben Person: Jess Lemont aus Milwaukee, USA. Lee Rosevere vom kanadischen Happy Puppy Label hat ein Händchen für tolles, obskures Zeugs – das wissen Stadtrevue Netzmusik-Leserinnen und –Leser bereits seit unserer Besprechung des wunderbaren „Manos – The Hands of Fate“ Soundtracks in Ausgabe  12/2013. Über Jess Lemonts aktuelle Releases im Netz stolpernd und die Idee verfolgend, davon einige Tracks auf seinem Label zu rauszubringen, bot die Musikerin Rosevere stattdessen Stücke einer selbstveröffentlichten CD aus dem Jahr 2003 an – beziehungsweise das, was davon noch zu retten war – die ursprünglichen Aufnahmemedien konnten nur teilweise wiederhergestellt werden.

Auf „A Truly Fun Place“ ist die Multiinstrumentalistin nicht nur für fast jeden der handgemachten Sounds selbst verantwortlich; auch möchte ich darum bitten, dass Psychedelic Soul-Papst Adrian Younge ob der authentischen Lo-Fi Produktion und Lemonts überbordender Kreativität in Ehrfurcht erstarren möge. Das Album ist auf der einen Seite ein Mix aus Slacker-Indierock, Jazz und Soul – und erzeugt andererseits eine derart gespenstische Atmosphäre, dass es eine schaurige Freude ist. Jazzige Pianoparts treffen auf offen ge- oder besser: verstimmte Gitarren, düstere Synths und entrückten Gesang. Wie gemacht für Klaus Walters nächste Hauntology-Episode auf ByteFM, auch Broadcast bzw. Trish Keenan winken kurz – und doch ist das Ganze eben Jess Lemont.

Jess Lemont

Jess Lemont. Quelle: twitter.com/brewcrewjess

Ihr Repertoire hat sich in den vergangen zwölf Jahren stark in Richtung Jazz bewegt: Unter ihrem eigenen Namen veröffentlicht Lemont Free Jazz mit Tenorsaxophon und Schlagzeug – ebenfalls alles selbst eingespielt (aktuelle Releases: „… y las Dos hipopótamos“ und „The Tiny Album“ auf bandcamp). Als „Be a Waterwolf“ gibt es auf Soundcloud improvisierte, multiinstrumentale, von ihr als „Glitch Jazz“ bezeichnete Musik, bei der neben Gitarren auch mit Stricknadeln gespielte Xylophone zum Einsatz kommen. Im Duo Splicey and Tracky, das beim Haze Netlabel veröffentlicht, hören wir eine Art sphärischen, elektronischen Improv-Jazz, in dem neben Kontrabass, diversen Stabspielen, Blasinstrumenten und Software auch wieder ihre Stimme zum Einsatz kommt. Ihr seht: es ist wirklich nicht leicht, den Überblick zu behalten.

In ihrer Twitter-Bio schreibt Jess Lemont, dass sie Musikerin ist und es liebt, „ihren Hund auszuführen und autistisch zu sein.“ Auf ihrer Bandcamp-Seite ergänzt sie: „Die Downloads sind für gewöhnlich umsonst, aber zieht bitte für das, was ihr normalerweise für Jess’ Musik gegeben hättet, eine Spende an http://www.asw4autism.org/giving-opportunities.html in Betracht – danke! Jess ist eine lokale Multi-Tracking Multiinstrumentalistin mit einem gewissen Grad des Savant-Syndroms, das sehr hilfreich für ihren Antrieb des Musikmachens ist, und daher ist sie dankbar für dieses Syndrom.“ Dann mal los: Spendet für diese tolle, freie Musik.

“Bluehlicht” – überarbeitete version

OvalDNA

OvalDNA. Photo: CC BY-SA M. Trovatello

Eine überarbeitete Version des Tracks ‘Bluehlicht’, den ich im vergangenen Jahr schon einmal auf Soundcloud veröffentlicht hatte. Er ist Teil eines Mini-Albums, das irgendwann in 2015 erscheinen wird. Ich hoffe über Weihnachten die letzten Tracks fertigstellen zu können. Der dem Track zugrundliegende Loop stammt von OvalDNA, mit freundlicher Genehmigung von Barry Threw (“samples in OvalDNA are completely free to use”).

Stadtrevue Netzmusik-Adventskalender

Für die Kölner Stadtrevue (danke Ulrike Westhoff für die Idee!) mache ich neben der monatlichen Kolumne aktuell einen kleinen Netzmusik-Twitter-Adventskalender. Alle, nun ja, “Türchen” gibt’s über das neue Twitter-Feature “Custom Timeline” bzw. im Twitter-Stream der Stadtrevue. Viel Spaß beim Entdecken schöner, freier Musik.

Eins noch – es heißt ja so schön: Frei wie in Freiheit – nicht wie in Freibier (obwohl es auch das gibt). Sollte Euch die Musik, die wir in der SR-Netzmusik und in diesem Kalender vorstellen, gefallen, unterstützt bitte die Bands, Musikerinnen und Musiker, etc. indem Ihr ihre Musik weiterverbreitet, Konzerte besucht, ihr Vinyl, ihre CDs oder “Merch”-Artikel kauft, beim Download spendet oder was auch immer …

Übrigens: Weitere Netzmusik-Adventskalender gibt’s im Progolog, beim Kraftfuttermischwerk und bei den Musikpiraten.


C3S: Der Countdown für die neue Musikverwertungsgesellschaft läuft (Interview mit Wolfgang Senges)

Crosspost des Artikels für Netzpiloten.de vom 28.11.2013 (Text lizenziert unter Creative Commons CC-BY-NC-SA DE)

Im September 2013 wurde aus der Initiative C3S – kurz für Cultural Commons Collecting Society – die Europäische Genossenschaft C3S mbH. Über 1700 Crowdfunder brachten knapp 118.000 Euro zusammen, die Gründerinnen und Gründer nochmal 31.000 Euro – jetzt aber läuft der Countdown: Bis 31.Dezember 2013 muss die Verwertungsgesellschaft nochmal 70.000 Euro aufbringen, um die vom Land Nordrhein-Westfalen in Aussicht gestellte Förderung von 200.000 Euro zu bekommen. Ein Interview mit Wolfgang Senges, einem der beiden CEOs und Leiter Business Development der C3S, von und mit Marco Trovatello.

Erstmal Glückwunsch zu Eurem großen Erfolg – und eine kurze Bilanz: 1786 Crowdfunder haben 117.758 Euro aufgebracht und 50 Gründerinnen und Gründer haben nochmal 31.000 Euro Startkapital draufgepackt. Am 25. September 2013 habt Ihr die Europäische Genossenschaft Cultural Commons Collecting Society SCE mbH offiziell ins Leben gerufen. Jetzt aber tickt die Uhr: Bis 31.12. dieses Jahres müsst Ihr, nach Abzug der Kosten Eures Crowdfunding-Dienstleisters Startnext, nochmal 70.000 Euro aufbringen. Nur dann erhaltet Ihr die in Aussicht gestellte Förderung des Landes NRW, die sehr wichtig für Euch ist. Nur mit dieser Finanzierung werdet Ihr ein Kernelement Eurer neuen Verwertungsgesellschaft umsetzen können: Ein genaues Abrechnungsmodell, das gewissermaßen der Gegenentwurf zum häufig auf Schätzungen basierenden Modell der bisher einzigen deutschen Musikverwertungsgesellschaft , der GEMA, ist. Wie wollt Ihr das fehlende Geld innerhalb des kurzen Zeitraums aufbringen?

Wolfgang Senges

Wolfgang Senges, CEO der Cultural Commons Collecting Society C3S. Credit: Barbara Senges, CC-BY-NC-SA.

Danke für den Glückwunsch! Und richtig, wir haben bis Ende des Jahres – wegen der Feiertage besser früher – eine relativ große Lücke von gut 70.000 Euro zu füllen. Deshalb geht’s jetzt in den Endspurt.. Wir brauchen die Restfinanzierung, denn nun verdoppelt das Land NRW wirklich jeden Euro, den unsere Unterstützer und wir bisher aufgebracht haben. Auch müssen wir unsere Kosten weiter runterschrauben – in einem Blog-Eintrag haben wir das mal im Detail dargestellt.

Was also gibt es zu tun? Wir haben uns für ein von uns so genanntes “Flashfunding” entschieden, das schon äußerst gut angelaufen ist. Es gibt nur drei Optionen zur Auswahl: Spende, T-Shirt kaufen, Mitglied werden – und es dauert nur zwei Wochen. Vor allem aber nutzen wir keine externe Plattform wie bspw. Startnext, da wir gegenüber unseren Mitgliedern keine weiteren Kosten für einen Crowdfunding-Dienstleister verantworten können. Und wir brauchen das auch nicht, da wir in der Zwischenzeit genügend Menschen allein über unsere Community erreichen. Das war früher anders.

Was passiert, wenn Ihr es nicht schafft, das fehlende Geld aufzubringen?

Wir haben zwar mittlerweile die Zusage des Lands Nordrhein-Westfalen, dass wir auch bei Nicht-Erreichen unserer 200.000 Euro eine Förderung erhalten. Aber eben auch nur in der Höhe der Eigenmittel, die wir nachweisen können. Und, wie man sich vorstellen kannst, ist es schon ein Unterschied, ob wir im kommenden Jahr eine Finanzierung von 130.000 Euro + 130.000 Euro erhalten, oder eben von 200.000 Euro + 200.000 Euro. Der Unterschied macht bei weitem mehr als eine volle Stelle aus. Weniger Entwickler heißt weniger Technik. Weniger Technik heißt: Wir können möglicherweise die Anforderungen zur Zulassung als Verwertungsgesellschaft nicht erfüllen.

Genau. Man darf nicht außer Acht lassen, dass Ihr bisher nur die Europäische Genossenschaft C3S gegründet habt und das große Ziel, die Zulassung als Verwertungsgesellschaft durch das Deutsche Patent- und Markenamt, für die Ihr Beachtliches an Vorarbeit leisten müsst, noch aussteht. Außerdem muss die Satzung der frisch gegründeten Cultural Commons Collecting Society SCE mbH geprüft werden, erst danach erfolgt die Eintragung ins Amtsregister. Was bedeutet das genau und wann kann man mit einer Anerkennung der C3S als Societas Cooperativa Europaea (SCE) rechnen?

Wir hoffen, dass es zügig geht. Es ist ja nicht nur die Satzung, die geprüft werden muss. Wichtiger ist im Grunde der Geschäftsplan. Es sind die Geschäftszahlen und die Personalentwicklung, die wir zur Prüfung eingereicht haben – von 2014 bis einschließlich 2016. Diese Prüfung durch den Genossenschaftsverband ist ein wenig als Testlauf für die Zulassung als Verwertungsgesellschaft zu betrachten. Die Prüfer bescheinigen uns mit dem Bestehen, dass unsere wirtschaftliche Planung realistisch und tragfähig ist. Diese Prüfung wird bei Genossenschaften übrigens jedes Jahr wiederholt, so dass den Mitgliedern kein böses Erwachen droht.

Wenn das Deutsche Patent- und Markenamt dagegen unseren Antrag auf Zulassung als Verwertungsgesellschaft prüft, geht es neben dem Wirtschaftlichen auch und im Speziellen um die Aspekte, die für eine Verwertungsgesellschaft zählen: Wie sieht das Repertoire aus: Sind Urheber bzw. Werke vertreten, die ausreichend Umsatz generieren? Kann die C3S feststellen, wenn ein nicht-lizenzierter Einsatz eines Werks stattgefunden hat? Werden die Interessen der Urheber angemessen vertreten? Kann die C3S Mitglieder und Repertoire verwalten?

Es ist enorm wichtig für uns, dass die Prüfung durch den Genossenschaftsverband rasch geschieht. Denn: Wir haben aus dem Crowdfunding erst Teile der Einnahmen – die aus Spenden und durch Rewards – erhalten. Heißt: Etwa 30.000 Euro haben wir bisher über die Crowdfunding-Plattform Startnext erhalten, auf weitere 16.000 Euro eines Startnext-Partners warten wir – Stand 25.11.2013 – noch. Das Geld aus den Anteilen aber (knapp 70.000 Euro) liegt so lange bei Startnext als unserem Treuhänder, bis wir beim Amtsgericht registriert sind, das heißt also bis die Prüfung durch ist. Die komplette Summe brauchen wir aber für die Bewilligung der Förderung. Und das muss bis Ende des Jahres geschehen.

Kannst Du uns etwas über das Leitungsgremium der C3S erzählen? Wer übernimmt welche Aufgaben und welches sind die Führungspersönlichkeiten?

Das Leitungsgremium der C3S ist der Verwaltungsrat. Der Verwaltungsrat wurde bei der Gründungsversammlung gewählt und ging zum größten Teil aus dem Kern-Team hervor. Wir sind elf Team-Mitglieder und teilen uns die fachlichen Zuständigkeiten. Danny Bruder übernimmt das Künstlernetzwerk, das heißt er hält als Musiker und Produzent die Kontakte zu Kolleginnen und Kollegen und baut das Netzwerk beständig aus. Außerdem ist er als Sprecher der C3S aktiv. Sven Scholz, Schlagzeuger der Band Singvøgel, leitet die Kommunikation nach außen wie beispielsweise Blog und Social Media. Tanja Mark steuert das Marketing. m.eik michalke ist einer unserer Sprecher und zuständig für (Kultur-)Politik, aber auch für Aktivitäten im Bildungsumfeld. Christoph Scheid trägt die Verantwortung für die IT-Leitung und die technische Entwicklung. Florian Posdziech ist zuständig für die Web-Entwicklung und Web-Administrierung. Zudem ist er gemeinsam mit Sven zuständig für den Twitter-Kanal. Jurist Meinhard Starostik ist Sprecher und zuständig für Fragen des Wirtschaftsrechts und Rechnungswesens. Veit Winkler, der in Graz lebt, hat die Aufgaben der internen Organisation, aber auch die Koordination internationaler Teams übernommen. Veit ist zudem auf unserer Facebook-Page aktiv. Holger Schwetter kümmert sich um Förderungs- und Finanzierungsmöglichkeiten, ist aber als Musikwissenschaftler und Musiker (u.a. Von Korf) auch für die Forschung und auch als Sprecher der C3S zuständig. Michael Weller, Geschäftsführer der Europäischen EDV-Akademie des Rechts EEAR gGmbH, leitet das Fachgebiet Urheberrecht. Ich selbst schließlich bin für Geschäftsentwicklung und Partnerschaften verantwortlich.

Als Geschäftsführende Direktoren wurden m.eik michalke und ich gewählt. Meinhard Starostik ist als Verwaltungsratsvorsitzender und Danny Bruder als sein Stellvertreter gewählt worden.

Im Pressebereich werden wir übrigens zusätzlich unterstützt von Lars Sobiraj (früher bei Gulli), der auch für die Netzpiloten schreibt. In Österreich vertritt uns Joachim Losehand als Ansprechpartner. Beide sind nicht Mitglied des Verwaltungsrats.

Kommen wir zu einem weiteren Kernelement Eurer Strategie, den Lizenzen. Abgesehen von der Tatsache, dass Ihr die ganze Spannbreite der Lizenzierungen – von der Creative Commons Maxime „Some Rights reserved“ bis „All Rights reserved“ – unterstützen werdet: Was unterscheidet Euch im Wesentlichen von GEMA?

Die C3S sieht für jedes nutzende Mitglied, also für jeden Kreativen das gleiche, volle Stimmrecht vor. Es ist gleichgültig, wie hoch die Einnahmen eines Mitglieds sind oder wie viele Anteile man zeichnet: Jeder hat genau eine Stimme – wenn seine Rechte durch die C3S wahrgenommen werden und er Mitglied ist. Erben oder Verlage haben daher kein Stimmrecht, anders als in der GEMA.

Wichtig ist uns, dass sich jeder, der irgendwo mit Musik zu tun hat, an der Gestaltung des Konzepts beteiligen kann. Wenn Arbeitsabläufe zur Lizenzierung oder zum Einsatz von Musik entwickelt werden sollen, müssen Urheber, Künstler, Musikindustrie und Musikhörer daran beteiligt sein. Sonst erhält man keine realitätsnahen Lösungen. Genau diese beratende Aufgabe kommt fördernden Mitgliedern zu. Die Entscheidung über die Umsetzung der Entwürfe liegt dann aber wieder beim Urheber alleine. Nach der Umsetzung müssen wiederum Tarife verhandelt werden.

Wechsel- und Austrittsfristen werden bei uns kürzer sein. Wenn es darum geht, die Rechte eines Werks nicht weiter von der C3S wahrnehmen zu lassen oder auszutreten, dann orientieren wir uns an der Praxis und am technisch Machbaren. Momentan gehen wir davon aus, dass ein Stück mindestens ein Jahr bei uns bleibt. Gleiches gilt für die Mitgliedschaft. Länger sollte es nicht sein. Das wäre unpraktikabel und behindert den Künstler unnötig. Kürzere Fristen sind ungünstig, weil Lizenznehmer möglicherweise den Überblick verlieren, welche Lizenz denn nun gültig ist – aber auch hier schaffen wir Überblick, indem die Registrierung des Stücks bei uns bestehen bleibt. Die Versionsgeschichte der Lizenz muss ständig einsehbar sein. Die Austrittsfristen könnten – je nach Beschluss der Generalversammlung – nach der Anfangsphase der C3S auch verkürzt werden.

Wie geht Ihr mit der Tatsache um, dass Creative Commons-Lizenzen irreversibel sind? Heißt: Was macht Ihr, wenn sich ein Künstler nach einer gewissen Zeit bei Euch dazu entscheidet, seine über Euch lizenzierten Stücke nicht mehr unter CC-Lizenz zu veröffentlichen bzw. wie wirkt ihr dem entgegen? Von vorneherein, durch Aufklärung bzgl. der irreversiblen Natur der Lizenz?

Es ist nicht an uns, die Definition der Lizenz zu verändern. Egal welcher. Wir schreiben nicht das Urheberrecht und wir definieren auch keine CC-Lizenzen. Wir können allenfalls darauf hinweisen, dass eine CC-Lizenz auf ein Werk nicht aufgehoben werden kann. Es ist, so sehe ich es zumindest, ein Nachteil der CC-Lizenzen. Soweit mir bekannt, ist selbst Lawrence Lessig (Gründer von Creative Commons, Anm. des Autors) damit nicht glücklich. Und es ist nicht zuletzt ein Grund dafür, daneben auch „All Rights Reserved“-Lizenzen zu ermöglichen – für andere Stücke des Urhebers.

Kurz: Wer sein Stück unter Creative Commons veröffentlicht, der muss dabei bleiben. Was dagegen möglich ist, das ist die Änderung der CC-Lizenz zu einer weniger restriktiven CC-Lizenz.

Wie geht es mittel- bzw. langfristig weiter?

Langfristig möchten wir – deswegen haben wir uns als Europäische Genossenschaft gegründet – auch in anderen Ländern tätig werden. Der Unterschied zur GEMA: Wir werden im besten Fall keine Gegenseitigkeitsverträge mit anderen Verwertungsgesellschaften anderer Länder benötigen, sofern sie innerhalb Europas liegen. Das bedeutet: keine Reibungsverluste, keine verzögerten Zahlungen, gleiche Abrechnungssysteme. Bereits nach Zulassung in Deutschland können Urheber aus dem Ausland der C3S ihre Werke zur Rechtewahrnehmung in Deutschland übertragen. Deshalb freuen wir uns über die jetzt schon vorhandenen Mitglieder in Österreich, Frankreich, Großbritannien, Irland und der Schweiz.

Was genau hat es mit den verzögerten Zahlungen auf sich?

Bei einer weitgehend exakten und automatisierten Abrechnung ist ein Fast-Echtzeit-Konto für Mitglieder möglich. Die Meldungen über Lizenzierungen und Aufführungen gehen ein und sind in meinem Künstler-Konto abrufbar. Mehr noch: Als Musiker sehe ich, wo ich mit welcher Strategie ansetzen kann, wo ich mit Erfolg Konzerte veranstalten kann, wo Marketing notwendig ist. Das ist ein Punkt der Transparenz, der vielen Musikern in ihrer GEMA-Abrechnung fehlt. Abgesehen davon, dass wir ständig hören, dass die Zahlungen der GEMA lange auf sich warten lassen – teilweise länger als ein Jahr.

Die C3S wird dem Urheber die Freiheit geben, die er braucht, um seine Strategien umzusetzen – gleichgültig, ob er einzelne Tracks zu Benefizzwecken von Lizenzgebühren befreien will oder sie zwecks Marketing anders veröffentlichen möchte als das Gros seiner Werke. Und den Musikmarkt wird die C3S erweitern, indem sie neue Geschäftsansätze und Lizenzierungsmodelle fördert.

Letzte Frage: Plant Ihr für die Zukunft Allianzen? Wenn ja mit wem?

Es gibt bereits Allianzen. So arbeiten wir schon jetzt gemeinsam mit younison.eu, die Lobby-Arbeit für Musiker auf europäischer Ebene betreiben. Ebenso werden wir unterstützt von SafeCreative, Registered Commons, CommonsMachinery und dem Free Music Archive. In Deutschland arbeiten wir im Austausch mit der all2gethernow, die die ursprünglichen Initiatoren der C3S zusammengeführt hat. Organisatorisch und in der Unternehmensplanung werden wir unterstützt vom Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung der Hochschule für Musik, Theater und Medien hmtm Hannover. Mit weiteren Unternehmen und Verbänden sind wir im Gespräch.

Wolfgang, vielen Dank für das ausführliche Gespräch.

Gerne – ich danke Dir.