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Jess Lemont (Stadtrevue Netzmusik #39, Februar 2016)

Erstveröffentlichung im Stadtrevue KölnMagazin, Ausgabe Februar 2016

Jess Lemont:
A Truly Fun Place (Happy Puppy Rec.)
y las Dos hipopótamos
The Tiny Album (bandcamp)

Be a Waterwolf: diverse (Soundcloud)
Splicey and Trackey: Country Noises / Horses, Horses . . . Horses! (bandcamp)

Jess Lemont

Jess Lemont. Quelle: Bandcamp.

Sehr unterschiedliche Musik von ein und derselben Person: Jess Lemont aus Milwaukee, USA. Lee Rosevere vom kanadischen Happy Puppy Label hat ein Händchen für tolles, obskures Zeugs – das wissen Stadtrevue Netzmusik-Leserinnen und –Leser bereits seit unserer Besprechung des wunderbaren „Manos – The Hands of Fate“ Soundtracks in Ausgabe  12/2013. Über Jess Lemonts aktuelle Releases im Netz stolpernd und die Idee verfolgend, davon einige Tracks auf seinem Label zu rauszubringen, bot die Musikerin Rosevere stattdessen Stücke einer selbstveröffentlichten CD aus dem Jahr 2003 an – beziehungsweise das, was davon noch zu retten war – die ursprünglichen Aufnahmemedien konnten nur teilweise wiederhergestellt werden.

Auf „A Truly Fun Place“ ist die Multiinstrumentalistin nicht nur für fast jeden der handgemachten Sounds selbst verantwortlich; auch möchte ich darum bitten, dass Psychedelic Soul-Papst Adrian Younge ob der authentischen Lo-Fi Produktion und Lemonts überbordender Kreativität in Ehrfurcht erstarren möge. Das Album ist auf der einen Seite ein Mix aus Slacker-Indierock, Jazz und Soul – und erzeugt andererseits eine derart gespenstische Atmosphäre, dass es eine schaurige Freude ist. Jazzige Pianoparts treffen auf offen ge- oder besser: verstimmte Gitarren, düstere Synths und entrückten Gesang. Wie gemacht für Klaus Walters nächste Hauntology-Episode auf ByteFM, auch Broadcast bzw. Trish Keenan winken kurz – und doch ist das Ganze eben Jess Lemont.

Jess Lemont

Jess Lemont. Quelle: twitter.com/brewcrewjess

Ihr Repertoire hat sich in den vergangen zwölf Jahren stark in Richtung Jazz bewegt: Unter ihrem eigenen Namen veröffentlicht Lemont Free Jazz mit Tenorsaxophon und Schlagzeug – ebenfalls alles selbst eingespielt (aktuelle Releases: „… y las Dos hipopótamos“ und „The Tiny Album“ auf bandcamp). Als „Be a Waterwolf“ gibt es auf Soundcloud improvisierte, multiinstrumentale, von ihr als „Glitch Jazz“ bezeichnete Musik, bei der neben Gitarren auch mit Stricknadeln gespielte Xylophone zum Einsatz kommen. Im Duo Splicey and Tracky, das beim Haze Netlabel veröffentlicht, hören wir eine Art sphärischen, elektronischen Improv-Jazz, in dem neben Kontrabass, diversen Stabspielen, Blasinstrumenten und Software auch wieder ihre Stimme zum Einsatz kommt. Ihr seht: es ist wirklich nicht leicht, den Überblick zu behalten.

In ihrer Twitter-Bio schreibt Jess Lemont, dass sie Musikerin ist und es liebt, „ihren Hund auszuführen und autistisch zu sein.“ Auf ihrer Bandcamp-Seite ergänzt sie: „Die Downloads sind für gewöhnlich umsonst, aber zieht bitte für das, was ihr normalerweise für Jess’ Musik gegeben hättet, eine Spende an http://www.asw4autism.org/giving-opportunities.html in Betracht – danke! Jess ist eine lokale Multi-Tracking Multiinstrumentalistin mit einem gewissen Grad des Savant-Syndroms, das sehr hilfreich für ihren Antrieb des Musikmachens ist, und daher ist sie dankbar für dieses Syndrom.“ Dann mal los: Spendet für diese tolle, freie Musik.

TPB AFK: Dringend anschauen.

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Film Poster. Source: http://www.tpbafk.tv/press-kit/

Der Film ‘The Pirate Bay – Away from Keyboard’ (TPB AFK) des schwedischen Regisseurs Simon Klose wurde bereits am vergangenen Wochenende (7.2.2013) auf der Berlinale vorgestellt und kann, Stand heute, bereits knapp 1,4 Millionen Views auf Youtube vorweisen. Dort ist er – ganz dem Thema entsprechend – frei und legal verfügbar, ebenso auf The Pirate Bay selbst. Wer den Film weitergehend unterstützen möchte, kann ihn auch bezahlen. Eine Remix-Version des Films ist unter einer Creative Commons BY-NC-SA-Lizenz erhältlich.

An dieser Stelle eine Empfehlung an diejenigen, die den Film noch nicht gesehen haben: Es lohnt sich. Wie in guten Dokumentarfilmen üblich, läßt Klose die Protagonisten für sich sprechen, und wahrt – trotz der Tatsache, dass er sie über lange Zeit begleitete (und im Interview mit der Süddeutschen sogar als Freunde bezeichnet) – die nötige Distanz. Ein anderhalbstündiger Werbeclip für The Pirate Bay also? Fehlanzeige. Vielmehr eine aufmerksame Studie der drei wesentlichen Köpfe hinter The Pirate Bay, Gottfrid Svartholm Warg, Fredrik Neij und Peter Sunde, aber auch der Ankläger und Strafverfolger. Diese bestechen nicht gerade durch Objektivität – dem Richter wird gar Befangenheit nachgewiesen. Doch auch Sunde, Warg und Neij offenbaren im Laufe des Films ihre Schattenseiten. Sieht man sie zunächst ganz klar als Betroffene und Verfolgte einer gnadenlosen, aus der Zeit gefallenen Copyright-Industrie, zeigen sie sich im Laufe des Films zunehmend überheblich und selbstgefällig und räumen später gar die Zusammenarbeit mit dubiosen Geldgebern ein.

Fazit: Sympathie, Antipathie, Hacktivismus, Technikhuldigung, Größenwahn, Konservatismus, Urheberrechtswahnsinn … all das und noch viel mehr zeigt der Film, ganz nah beieinander. Prädikat: wertvoll.

P.S.:Lesenswert auch der Artikel zum Film im Zeit Online Netzfilmblog.

Musikvideo

Der Herr Stoffel hat ein wunderhübsches Video zu einem meiner Tracks produziert, aufgenommen vor vielen Jahren von ihm selbst auf Super 8, vor kurzem dann digitalisiert, ein bisschen nachbearbeitet und geschnitten. Mein Album kann man hier herunterladen.