Roland Graffé: Das komplette Interview (Stadtrevue Netzmusik #7 Spezial)

Machtdose-Macher Roland Graffé. Bild: Privat.

Machtdose-Macher Roland Graffé. Bild: Privat.

Für die aktuelle Episode der monatlichen Kolumne ‘Netzmusik‘ der Stadtrevue habe ich ein längeres Interview mit Roland geführt. Wie üblich poste ich hier das komplette Interview.

Roland, Deinen Podcast Machtdose gibt es bereits seit über sieben Jahren – er dürfte damit einer der am längsten existierenden Netaudio-Podcasts aus Deutschland sein. Irgendwelche Ermüdungserscheinungen? Oder können wir darauf hoffen, dass es Machtdose noch lange gibt?

Ermüdungserscheinungen gibts durchaus manchmal, aber eher selten. Dann mach ich halt mal nen Monat Pause wie gerade diesen Januar, ich hab einmal auch schon oder vier Monate pausiert, aber das sind wirklich totale Ausnahmen. In der Regel hab ich Spaß dran und ich denke mal, es wird noch eine Weile so weitergehen.

Hat sich Dein Konzept, den Podcast von Beginn an nur auf Englisch anzubieten, bestätigt? Konntest Du Dir damit die – wahrscheinlich gewünschte – breite, internationale Hörerschaft erschließen?

Ich habe ja gar nicht auf Englisch angefangen, sondern im ersten Jahr auf Deutsch moderiert. Das schien mir aber nicht mehr adäquat, da eben die Netaudiowelt international ist wie das ganze Internet und das gerade eine der Dinge ist, die mich auch daran besonders interessieren. Also habe ich auf Englisch – trotz sagen wir mal eher limitierender Ausdrucksweisen – umgestellt. Ich “tracke” meine Zuhörer:innenzahlen nicht sonderlich, so dass ich dazu kaum qualifizierte Aussagen machen kann, die kümmerlichen Soundcloud-Statistiken (die nur die Streams, nicht aber Downloads zählen) geben aber an, dass das Gros immer noch aus Deutschland ist und knapp die Hälfte der Zuhörenden ausmacht.

Vor gut zweieinhalb Jahren hat Christian Grasse Dich für DRadio Wissen interviewt – mich interessiert, inwiefern sich die Dinge für Dich verändert haben oder auch nicht. Die durch die Lofi-Produktion Deines Podcasts geprägte Authentizität ist in jedem Fall geblieben. WIe aber sieht es aus in Bezug …

….auf das Verbesserungspotenzial von Netlabels in puncto Benutzerfreundlichkeit – hat sich da etwas getan?

Seitdem hat sich meiner Meinung nach schon einiges geändert. Mir scheint, das Konzept “Netlabel” ist weniger attraktiv für Künstler geworden, auch wenn Sie durchaus frei verfügbare Musik übers Netz bereitstellen wollen. Das machen sie dann aber häufig einfach selbst, z. B. über Plattformen wie Bandcamp, Soundcloud oder Jamendo.

Der Trend geht also für mich deutlich zum Selbstkämpfertum, das finde ich persönlich ein bisschen schade, da ich mit “Label” nicht nur bestimmte Distributionsmöglichkeiten, sondern eben auch gemeinsame Haltung, ästhetisches Programm usw verbinde. Ist aber vielleicht schlicht der Gang der Dinge, wenn Selbstpromotion für Künstler generell immer wichtiger wird.

Die bestehenden und neu entstehenden Labels (gibts ja natürlich immer noch zuhauf) schwenken übrigens auch auf die genannten Plattformen über, weil sie wahrscheinlich eine günstige Infrastruktur für Hosting / Abrechnungsmöglichkeiten usw. zu bieten scheinen. Hier hat man dann teilweise hübsche Diskrepanzen z. B. bei Lizenzierungsangaben, einfach weil nicht genau hingesehen wird (Auf Labelseite wird CC-Lizenz angebeben, auf Bandcamp dann aber copyright by owner o. ä. – was sich ja nicht mal widersprechen muss, aber eben doch Verwirrung stiftet. Wenn ich schon Angaben zu den Benutzungsmöglichkeiten mache, sollten diese möglichst konsistent angeboten werden.)

Flash ist ja hoffentlich bald mal verschwunden.

Eher nicht so schöne Tendenz: es wird immer beliebter, keine Einzeltitel anzubieten zum Download, sondern nur ganze Alben. Für mich persönlich nicht so gut – und ich kann auch nicht so ganz nachvollziehen, was das für einen Vorteil für die Labels haben soll, wenn ich mir nur Komplettreleases runterladen kann.

Es gibt also noch genug zu meckern :)

… Deine skeptische Haltung zu Netlabels, die die DIY-Kultur aufgeben, sich in Richtung traditionelles Label ‘weiterentwickeln’ und Geld verdienen wollen?

Ich stehe der Tendenz gar nicht so skeptisch gegenüber, glaube nur, dass der Komplettswitch sehr schwierig ist. Die Tendenz hat meiner Wahrnehmung nach auch wieder nachgelassen. Allenfalls wird nach ergänzenden Verdienstmöglichkeiten gesucht.

Interessanterweise gibt es eine vielleicht gegenläufige Tendenz. Auch die CC-Lizenzierung scheint mir nachzulassen. Mittlerweile werden häufiger “einfach so” Freie Downloads von den Musiker:innen als auch Netlabels selbst angeboten, ohne dass man sich der CC-Lizenzen bediente. Die Gründe sind hier wahrscheinllich vielfältig. Ein möglicher Grund könnnte sein, dass das Verbreiten im Vordergrund steht, mögliche rechtliche Implikationen aber erst einmal nachrangig sind. Ist aber nur ne Vermutung.

Ist die Professionalisierung, von der im o.g. DRadio Wissen-Beitrag die Rede ist, auch bei den Netlabels, die weiterhin existieren und nicht kommerziell arbeiten bzw. Freie Musik anbieten, eingetreten? Wenn ja: Könntest Du ein paar Beispiele nennen?

Es gibt und gab einfach sehr gut arbeitende Labels und die “funktionieren” auch prima.  Aus den letzten Jahren sicher als wichtiges zu nennen ist Bad Panda Records, die einfach sehr spannende, abwechslungsreiche Musik unter dem Motto “One Song every Monday” präsentieren, ihre Künstler in interessanter Weise vorstellen und unterstützen und auch eine große Hörer:innenschaft haben mittlerweile – da kann man sich wirklich auf jeden Wochenanfang freuen: http://badpandarecords.wordpress.com/

Ich freue mich (obwohl die Musik da nicht mal so übermäßig was für mich persönlich ist), wenn sich  bei einem Label wie subbass http://subbass.blogsport.de/ wie mir scheint wirklich eine Genre-Szene zusammenfindet und eben ihr Dubstep-Dings macht, da kann man dann schon einen ganz guten Einblick in die musikalischen Entwicklungen bekommen.

Auf Künstlerseite ist durch Crowdfunding auch vereinzelt schon recht Bemerkenswertes entstanden (zuletzt etwa bin ich auf Toussaint Morrison gestoßen, der seine letzten 3 Alben über Vorfinanzierung per Crowdfunding-Plattform Kickstarter hat verwirklichen können, http://toussaintmorrison.bandcamp.com/ + http://www.kickstarter.com/projects/toussaintmorrison/toussaint-morrison-mixtape-30

Gibt es aus Deiner Sicht immer noch zu wenig Blogs, Podcasts, Online-Magazine, die die Netlabelszene analysieren, sortieren und Gutes von Schlechtem trennen? Tatsächlich sind viele der – zufällig von mir beim Recherchieren gefundenen – Websites auf http://machtdose.de/netlabels tot …

Ja, diese Seite, die will ich schon seit zwei Jahren überarbeiten, weil sie schon seitdem hoffnungslos veraltet ist.

Es gibt mittlerweile schon einiges mehr, nicht unbedingt Netlabels, aber schon beim Drumherum. Seiten wie netlabelism http://netlabelism.com/ , die im Magazinformat Veröffentlichungen vorstellen. Podcasts / Blogs wie http://www.tonmagnet.de/ , die über Interviews und Hintergrundberichte sozusagen aus der Szene berichten. International etwa der wie ich finde sehr interessante Podcast Music Manumit http://www.musicmanumit.com/ , der ähnliches macht und entsprechend Projekte und Leute vorstellt, die mit Netaudio auch im weiteren Sinne zu tun haben.

Manchmal habe ich den Eindruck, das Machtdose Blog und Podcast heutzutage ein wenig nebeneinander her existieren – stimmt das?

Das war eigentlich ehrlich gesagt nie wirklch anders. Denn das Blog wird hauptsächlich mit Artikeln befüllt durch Gregor, während ich außerdem Podcast so gut wie nichts inhaltlich mache. Gregor hat dann vor ca. ein bis zwei Jahren auch damit angefangen, das meiste in Englisch zu präsentieren, aber natürlich ist es schon so, dass es bei ihm eher um Kunst und Musik im Allgemeinen geht, also kein Schwerpunkt auf frei verfügbare Musik  o. ä. hat – nicht, dass er daran kein Interesse hat, aber es ist eben nicht sein wirkliches Thema.

Bei mir ist es so, dass ich es zeitmäßig gerade so einigermaßen hinbekomme, den Podcast zu machen, der inklusive Recherche und Produktion dann so ca. 20 Stunden im Monat in Anspruch nimmt. Mehr ist für die Machtdose dann realistischerweise nicht drin.

Wie würdest Du – in wenigen Sätzen – den Status Quo von Netaudio beschreiben?

Es gibt immer noch sehr viel Netaudio und auch vieles zu entdecken. In gewisser Weise ist durch Tendenzen wie zuvor beschrieben der Weg zur Fragmentisierung noch weiter gegangen, was mir aber auch ein entsprchende Begleiterscheinung der “Demokratisierung” von Musik zu sein scheint. Auch scheinen sich die Frage der freien Distribution etwas “egaler” zu werden, so nach der Art: kriegt man ja doch alles irgendwie umsonst (zumindest zum Anhörn, siehe entsprechende Streamingdienste usw.) das merkt man daran, dass es z. B. auch Youtube-Channels und vereinzelte Blogs gibt, die sowohl klassisch-kommerzielle wie auch Netaudio-Musik vorzustellen.

Die schiere Anzahl von (auch guter) Musik ist immer noch gewaltig, aber es gibt wahrscheinlich tendenziell weniger “Konzentrationen”, dafür vielleicht immer mehr ausdifferenzierte Subszenen.

Wie es eine schöne Abwandlung des durchgenudelsten Warholzitats ever beschreibt, die ich irgendwo mal las: “In the future everyone will be famous for 15 people”.

Vielen Dank für das Interview!

One thought on “Roland Graffé: Das komplette Interview (Stadtrevue Netzmusik #7 Spezial)

  1. Moritz »mo.« Sauer

    Sehr schönes Interview. Die Arbeit, die sich Roland seit Jahren macht, ist großartig. In Deutschland ist er die größte Konstante und ich hoffe, dass würdigen die Musiker und Netlabels auch. Als dickes Respekt nach Berlin!

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