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Seliger legt nach: ‘”Die Künstler wären besser beraten, für ihre eigenen Interessen zu kämpfen”

Heute erst via Tim Renner entdeckt: Ein neuerlicher – und wie ich finde ziemlich guter weil gewohnt konstruktiver – Beitrag in Telepolis von Bertold Seliger zur Urheberrechtsdebatte. Auch wenn man Seligers Fünf-Punkte-Programm durchaus in einigen Punkten kritisieren kann, steht der Mann deutlich und in gänzlich richtiger Art und Weise auf der Seite der Non-Mainstream-Urheber bzw- Musiker. Das man ihm dabei Lobbyismus in eigner Sache als Konzertveranstalter unterstellt (siehe die bisher 145 Kommentare) ist nichts Neues und davon abgesehen auch nicht richtig, da Seliger bereits seit längerm konstruktiv wie ‘instruktiv’ (vgl. SpOn) zur Diskussion beiträgt.

Auch der, ich nenne es mal: Schlagabtausch zwischen Seliger und Mark Chung (den ich vor ein paar Monaten mal hier verbloggt habe) hatte ja bereits Bewegung in die Debatte gebracht. Besonders interessant und ebenso richtig finde ich auch seine Einordnung der “Darlings des linksliberalen Feuilletons” (Reinhard Jellen, Telepolis) und prominenten Unterzeichner des ‘Wir sind die Urheber“-Aufrufs Charlotte Roche und Roger Willemsen, die “durchaus gut von diesem System leben” (Seliger), entsprechend wohl wenig Interesse an einer Anpassung haben – und denen Seliger indirekt die Frage nach politischer Intelligenz stellt. Eigentlich mag ich beide und zum Teil auch ihre kulturellen Beiträge – umso unverständlicher ist mir ihre Teilnahme an diesem “ziemlich armselig argumentierenden Aufruf” (Seliger).

Weiterhin beinhaltet das Interview noch einen schönen Abriss bzgl, der absurden GEMA-Monopolstellung, beleuchtet einige Kuriositäten in Bezug auf ihre Vergangenheit und vieles mehr. Sehr lesenswert.

-> http://www.heise.de/tp/artikel/37/37020/1.html

Die Urheberrechtsdebatte auf Spreeblick.com und die Musiker: Eine Betrachtung

Leider habe auch ich erst vor ein paar Tagen über Stoffels Blogpost davon erfahren und dann fast knapp drei Stunden gebannt gelesen: Ausgehend von einem Artikel des Konzertveranstalters Berthold Seliger mit dem Titel “Die Leistungsschutzgelderpresser - Wie die Kulturindustrie am altbackenen Urheberrecht festhält, um es zu ihren Gunsten auszuschlachten” in der Zeitschrift Konkret entsponn sich durch die Veröffentlichung eines offenen (Antwort-)Briefs von Mark Chung (hier in seiner Rolle als Vorstandsvorsitzender des Verbands unabhängiger Tonträgerunternehmen (VUT), aber auch Geschäftsführer des Musikverlags Freibank, Ex-Sony Music Intl. Vice President, weiteres siehe WP) auf Spreeblick eine bis heute 193194 Kommentare lange Diskussion zum Thema Urheberrecht.

Okay, ein Artikel, ein (über-)langer offener Antwortbrief, 193 zum Teil ebenfalls umfangreiche Kommentare – was gibt es da noch zu sagen?

Zunächst etwas allgemeines zur Rezeption der Debatte für diejenigen, die es noch nicht gelesen haben: Wie oben schon gesagt muss man sich wohl mindestens zwei Stunden Zeit nehmen, um diese schwierige und komplexe Diskussion, in der viele Denkanstöße gegeben werden, auch nur annähernd zu durchdringen – und selbst dann hat man manchen Kommentar nur quergelesen. Chronologisch vorgehend habe habe ich zuerst natürlich den Artikel von Seliger gelesen, der mich sofort gepackt hat und mich innerlich “ja, richtig, und feste drauf” jubilieren ließ. Zähneknirschend musste ich dann feststellen, dass auch Mark Chungs Positionen, auch wenn sein fußnotenreicher Text irrsinnig ausufernd, mitunter beleidigend in Richtung Seliger und teilweise schlicht absurd (u.a. Verweise auf massenweise kaum nachvollziehbare bzw. zugängliche Studien zum Thema “Negative Auswirkungen von unvergüteten Musiknutzungen”) ist, durchaus Ihre Berechtigung haben.

Zu den Kommentaren: Die haben es in sich, und zwar nicht nur in Bezug auf die schiere Masse. Chung scheut sich ja nicht, neben großen Technlogiekonzernen wie Google zunächst auch  netzpolitik.org bzw. newthinking communications und Digitale Gesellschaft e.V. oder irights.info zu  bashen, woraufhin sich Markus Beckedahl gleich mit einigen Offenlegungen – nämlich der Info, dass seine Firma und auch Digitale Gesellschaft e.V. von keinem Unternehmen (und schon gar nicht von Google) unterstützt wird – in den Kommentaren meldet. Hat mich wirklich gefreut, das zu lesen.

Mir geht es aber in der Hauptsache darum, hier noch einmal die Beiträge der wenigen sich an dieser Diskussion beteiligenden Musiker bzw. Kulturschaffenden herauszuheben, die aus meiner Sicht ein wenig mehr Beachtung verdienen:

Spannend wurde es hier in der – übrigens überwiegend sachlichen – Diskussion, als sich Kurt Dahlke aka Pyrolator, Musiker, Produzent und Labelbetreiber des von mir sehr geschätzten Atatak-Labels (Der Plan, D.A.F., Andreas Dorau, Oval, Bad Examples, Charles Wilp …) zu Wort meldet, und – danke Kurt – zunächst den “zu aggressiven Tonfall” Chungs kritisiert, sich ansonsten aber ganz klar auf dessen Seite stellt. Schockierend für Musikliebhaber und Atatak-Fans wie mich seine Aussage

“Umsatzrückgänge von etwa 80% unseres seit 1979 existierenden Indie-Labels in den letzten 5 Jahren haben nicht nur mit der Qualität der Produkte zu tun –  wo ich mich auch umhöre, überall die gleiche Situation.” (Kommentar 24)

Okay, man könnte jetzt argumentieren, Atatak habe schlicht den Sprung ins digitale Zeitalter verpasst. Aus meiner Sicht ist das zumindest zum Teil auch so. End90er-Webdesign, ein auf dem Potato System basierender (nutzt das sonst eigentlich von den kleinen Labels, für die es gedacht war, noch jemand?) und lediglich eine Auswahl des Backkatalogs umfassender mp3-Shop, ein bisschen iTunes, aber ansonsten nichts, kein Facebook, Twitter, Google+ oder Soundcloud – immerhin ein Myspace-Account und Kurts lesenswertes Blog, leider viel zu versteckt. Sicher, das hätte den massiven Umsatzeinbruch wahrscheinlich auch nicht vermeiden, aber vielleicht ein wenig lindern können.

Die Diskussion dreht sich weiter um das Für und Wider der Kulturflatrate, weitere Standpunkte des VUT, die Machbarkeit legaler Streaming- und Downloadportale und insgesamt fehlende Losungsansätze (Wort!) bis Pyrolator sich erneut in den Kommentaren meldet:

Gerade findet auf Avaaz eine Petition gegen den neuen “PROTECT IP Act” statt. (…) Das wäre zumindest mal ein Hebel der Hardliner: Alle Webseiten unterbinden, die nur dazu dienen Urheberrecht zu unterlaufen. (“The PROTECT IP Act focuses on websites that have “no significant use” other than copyright infringement, or enabling or facilitating copyright infringement.”)

Ich glaube die gutgemeinten Vorschläge, die hier zu lesen sind, sind bei jetziger Situation des Internets kaum mehr als Diskussionsbeiträge, oder wie Arne so schön schrieb “europäische Trägheit”. Ich habe gestern mal wieder einen Ausflug in die Welt der Linkprovider unternommen (mal eine “Toplist” durchgegangen) und musste genau das erkennen: Der Zug ist abgefahren, hier helfen keine neuen Geschäftsmodelle mehr, kein Simfy, Spotify, hier liegt alles auf einem silbernen Tablett und schreit danach “lad mich runter, dann bekomme ich meinen fileserve-account gegenfinanziert” oder so.
Ich werde langsam auch zum Hardliner, abschalten die ganze Bagage, weg mit dem Dreck, der nichts weiter tut, als die Kreativität anderer für den eigenen Profit zu benutzen. Sorry musste jetzt mal sein, auf jeden Fall wird die Petition nicht unterschrieben. (Kommentar 77)

Harte Worte von einem wirklich frustrierten Musiker und Labelbetreiber, die ich, obwohl ich mich an der SOPA-PIPA-Petition beteiligt habe und sie nach wie vor für mehr als wichtig halte, aus seiner Sicht heraus nachvollziehbar finde - schon gerade weil Atatak wirklich viel für die Independent-Kultur – national wie international – getan hat. Liest man aber genau zu dieser Thematik den Blogpost von Stoffel “Das Netz hat ein Image-Problem: ACTA und die Raubkopierer“ wirft das auch hier die Frage auf, ob Atatak nicht zulange auf ein veraltetes Vertriebs-, Promotion- und Vergütungsmodell gesetzt hat. (Update 28.02.) Und beleuchtet außerdem die wichtige Tatsache, dass eine Ablehnung von ACTA, SOPA und PIPA nichts mit einer Befürwortung des Raubkopierens zu tun hat – im Gegenteil: Das ist und bleibt ein Riesenproblem, das auch und gerade kleinen Labels schadet.

Was mich zur zweiten und, wenn ich das richtig sehe, einzigen weitere Musikerin neben Pyrolator (und gerade entdecke ich noch Stephan Mathieu) bringt: Zoe.leela. Am 17. Februar 2012 veröffentlichte sie Ihr neues Album “Digital Guilt” und beschreitet dabei neue Wege, in dem sie ihr Album in Kooperation mit Motor Music sowohl über den klassischen Vertriebsweg (CD über Rough Trade, z.B. bei Amazon) als auch via Bandcamp (Buy/Donate) und iTunes zu den Hörern bringt. Das ganze unter Creative Commons CC-BY-NC-SA-Lizenz, heißt: Ich kann mir das Album beispielsweise für 5,49 Euro bei Bandcamp herunterladen und es dann – nicht-kommerziell – mit beliebig vielen Freunden teilen, es in Mixen verwenden oder sogar remixen. Begleitet wird das Ganze von vier Thesen zur GEMA, die meines Erachtens gleichermaßen provokant wie überwiegend zutreffend sind. Von irights.infoSpreeblick-Betreiber Johnny Haeusler und anderen als geschickte Werbung interpretiert finde ich ihre Diskussionsbeiträge doch wichtig – die Debatte ob hier Creative Commons nun als Gütesiegel seitens der Musiker/Künstler zu Promotionzwecken eingesetzt wird, oder ob nicht eher der Einsatz von Creative Commons durch die Musiker promotet wird kann man in den Kommentaren 147 bis 158 nachlesen.

Aus meiner Sicht gibt es noch viel mehr Berichtenswertes aus diesem bemerkenswerten Blogposting auf Spreeblick – wie beispielsweise eine weitere Subdebatte zur Urheberrechts- und Netzpolitik der Grünen (ab Kommentar 126) – doch für heute will ich es bei den bisher getippten knapp 1200 Worten belassen.

Interessant übrigens, dass sich, soweit ich das beurteilen kann, der Initiator der Debatte an dieser Diskussion nicht weiter beteiligt hat.