Tag Archives: Interview

Roland Graffé: Das komplette Interview (Stadtrevue Netzmusik #7 Spezial)

Machtdose-Macher Roland Graffé. Bild: Privat.

Machtdose-Macher Roland Graffé. Bild: Privat.

Für die aktuelle Episode der monatlichen Kolumne ‘Netzmusik‘ der Stadtrevue habe ich ein längeres Interview mit Roland geführt. Wie üblich poste ich hier das komplette Interview.

Roland, Deinen Podcast Machtdose gibt es bereits seit über sieben Jahren – er dürfte damit einer der am längsten existierenden Netaudio-Podcasts aus Deutschland sein. Irgendwelche Ermüdungserscheinungen? Oder können wir darauf hoffen, dass es Machtdose noch lange gibt?

Ermüdungserscheinungen gibts durchaus manchmal, aber eher selten. Dann mach ich halt mal nen Monat Pause wie gerade diesen Januar, ich hab einmal auch schon oder vier Monate pausiert, aber das sind wirklich totale Ausnahmen. In der Regel hab ich Spaß dran und ich denke mal, es wird noch eine Weile so weitergehen.

Hat sich Dein Konzept, den Podcast von Beginn an nur auf Englisch anzubieten, bestätigt? Konntest Du Dir damit die – wahrscheinlich gewünschte – breite, internationale Hörerschaft erschließen?

Ich habe ja gar nicht auf Englisch angefangen, sondern im ersten Jahr auf Deutsch moderiert. Das schien mir aber nicht mehr adäquat, da eben die Netaudiowelt international ist wie das ganze Internet und das gerade eine der Dinge ist, die mich auch daran besonders interessieren. Also habe ich auf Englisch – trotz sagen wir mal eher limitierender Ausdrucksweisen – umgestellt. Ich “tracke” meine Zuhörer:innenzahlen nicht sonderlich, so dass ich dazu kaum qualifizierte Aussagen machen kann, die kümmerlichen Soundcloud-Statistiken (die nur die Streams, nicht aber Downloads zählen) geben aber an, dass das Gros immer noch aus Deutschland ist und knapp die Hälfte der Zuhörenden ausmacht.

Vor gut zweieinhalb Jahren hat Christian Grasse Dich für DRadio Wissen interviewt – mich interessiert, inwiefern sich die Dinge für Dich verändert haben oder auch nicht. Die durch die Lofi-Produktion Deines Podcasts geprägte Authentizität ist in jedem Fall geblieben. WIe aber sieht es aus in Bezug …

….auf das Verbesserungspotenzial von Netlabels in puncto Benutzerfreundlichkeit – hat sich da etwas getan?

Seitdem hat sich meiner Meinung nach schon einiges geändert. Mir scheint, das Konzept “Netlabel” ist weniger attraktiv für Künstler geworden, auch wenn Sie durchaus frei verfügbare Musik übers Netz bereitstellen wollen. Das machen sie dann aber häufig einfach selbst, z. B. über Plattformen wie Bandcamp, Soundcloud oder Jamendo.

Der Trend geht also für mich deutlich zum Selbstkämpfertum, das finde ich persönlich ein bisschen schade, da ich mit “Label” nicht nur bestimmte Distributionsmöglichkeiten, sondern eben auch gemeinsame Haltung, ästhetisches Programm usw verbinde. Ist aber vielleicht schlicht der Gang der Dinge, wenn Selbstpromotion für Künstler generell immer wichtiger wird.

Die bestehenden und neu entstehenden Labels (gibts ja natürlich immer noch zuhauf) schwenken übrigens auch auf die genannten Plattformen über, weil sie wahrscheinlich eine günstige Infrastruktur für Hosting / Abrechnungsmöglichkeiten usw. zu bieten scheinen. Hier hat man dann teilweise hübsche Diskrepanzen z. B. bei Lizenzierungsangaben, einfach weil nicht genau hingesehen wird (Auf Labelseite wird CC-Lizenz angebeben, auf Bandcamp dann aber copyright by owner o. ä. – was sich ja nicht mal widersprechen muss, aber eben doch Verwirrung stiftet. Wenn ich schon Angaben zu den Benutzungsmöglichkeiten mache, sollten diese möglichst konsistent angeboten werden.)

Flash ist ja hoffentlich bald mal verschwunden.

Eher nicht so schöne Tendenz: es wird immer beliebter, keine Einzeltitel anzubieten zum Download, sondern nur ganze Alben. Für mich persönlich nicht so gut – und ich kann auch nicht so ganz nachvollziehen, was das für einen Vorteil für die Labels haben soll, wenn ich mir nur Komplettreleases runterladen kann.

Es gibt also noch genug zu meckern :)

… Deine skeptische Haltung zu Netlabels, die die DIY-Kultur aufgeben, sich in Richtung traditionelles Label ‘weiterentwickeln’ und Geld verdienen wollen?

Ich stehe der Tendenz gar nicht so skeptisch gegenüber, glaube nur, dass der Komplettswitch sehr schwierig ist. Die Tendenz hat meiner Wahrnehmung nach auch wieder nachgelassen. Allenfalls wird nach ergänzenden Verdienstmöglichkeiten gesucht.

Interessanterweise gibt es eine vielleicht gegenläufige Tendenz. Auch die CC-Lizenzierung scheint mir nachzulassen. Mittlerweile werden häufiger “einfach so” Freie Downloads von den Musiker:innen als auch Netlabels selbst angeboten, ohne dass man sich der CC-Lizenzen bediente. Die Gründe sind hier wahrscheinllich vielfältig. Ein möglicher Grund könnnte sein, dass das Verbreiten im Vordergrund steht, mögliche rechtliche Implikationen aber erst einmal nachrangig sind. Ist aber nur ne Vermutung.

Ist die Professionalisierung, von der im o.g. DRadio Wissen-Beitrag die Rede ist, auch bei den Netlabels, die weiterhin existieren und nicht kommerziell arbeiten bzw. Freie Musik anbieten, eingetreten? Wenn ja: Könntest Du ein paar Beispiele nennen?

Es gibt und gab einfach sehr gut arbeitende Labels und die “funktionieren” auch prima.  Aus den letzten Jahren sicher als wichtiges zu nennen ist Bad Panda Records, die einfach sehr spannende, abwechslungsreiche Musik unter dem Motto “One Song every Monday” präsentieren, ihre Künstler in interessanter Weise vorstellen und unterstützen und auch eine große Hörer:innenschaft haben mittlerweile – da kann man sich wirklich auf jeden Wochenanfang freuen: http://badpandarecords.wordpress.com/

Ich freue mich (obwohl die Musik da nicht mal so übermäßig was für mich persönlich ist), wenn sich  bei einem Label wie subbass http://subbass.blogsport.de/ wie mir scheint wirklich eine Genre-Szene zusammenfindet und eben ihr Dubstep-Dings macht, da kann man dann schon einen ganz guten Einblick in die musikalischen Entwicklungen bekommen.

Auf Künstlerseite ist durch Crowdfunding auch vereinzelt schon recht Bemerkenswertes entstanden (zuletzt etwa bin ich auf Toussaint Morrison gestoßen, der seine letzten 3 Alben über Vorfinanzierung per Crowdfunding-Plattform Kickstarter hat verwirklichen können, http://toussaintmorrison.bandcamp.com/ + http://www.kickstarter.com/projects/toussaintmorrison/toussaint-morrison-mixtape-30

Gibt es aus Deiner Sicht immer noch zu wenig Blogs, Podcasts, Online-Magazine, die die Netlabelszene analysieren, sortieren und Gutes von Schlechtem trennen? Tatsächlich sind viele der – zufällig von mir beim Recherchieren gefundenen – Websites auf http://machtdose.de/netlabels tot …

Ja, diese Seite, die will ich schon seit zwei Jahren überarbeiten, weil sie schon seitdem hoffnungslos veraltet ist.

Es gibt mittlerweile schon einiges mehr, nicht unbedingt Netlabels, aber schon beim Drumherum. Seiten wie netlabelism http://netlabelism.com/ , die im Magazinformat Veröffentlichungen vorstellen. Podcasts / Blogs wie http://www.tonmagnet.de/ , die über Interviews und Hintergrundberichte sozusagen aus der Szene berichten. International etwa der wie ich finde sehr interessante Podcast Music Manumit http://www.musicmanumit.com/ , der ähnliches macht und entsprechend Projekte und Leute vorstellt, die mit Netaudio auch im weiteren Sinne zu tun haben.

Manchmal habe ich den Eindruck, das Machtdose Blog und Podcast heutzutage ein wenig nebeneinander her existieren – stimmt das?

Das war eigentlich ehrlich gesagt nie wirklch anders. Denn das Blog wird hauptsächlich mit Artikeln befüllt durch Gregor, während ich außerdem Podcast so gut wie nichts inhaltlich mache. Gregor hat dann vor ca. ein bis zwei Jahren auch damit angefangen, das meiste in Englisch zu präsentieren, aber natürlich ist es schon so, dass es bei ihm eher um Kunst und Musik im Allgemeinen geht, also kein Schwerpunkt auf frei verfügbare Musik  o. ä. hat – nicht, dass er daran kein Interesse hat, aber es ist eben nicht sein wirkliches Thema.

Bei mir ist es so, dass ich es zeitmäßig gerade so einigermaßen hinbekomme, den Podcast zu machen, der inklusive Recherche und Produktion dann so ca. 20 Stunden im Monat in Anspruch nimmt. Mehr ist für die Machtdose dann realistischerweise nicht drin.

Wie würdest Du – in wenigen Sätzen – den Status Quo von Netaudio beschreiben?

Es gibt immer noch sehr viel Netaudio und auch vieles zu entdecken. In gewisser Weise ist durch Tendenzen wie zuvor beschrieben der Weg zur Fragmentisierung noch weiter gegangen, was mir aber auch ein entsprchende Begleiterscheinung der “Demokratisierung” von Musik zu sein scheint. Auch scheinen sich die Frage der freien Distribution etwas “egaler” zu werden, so nach der Art: kriegt man ja doch alles irgendwie umsonst (zumindest zum Anhörn, siehe entsprechende Streamingdienste usw.) das merkt man daran, dass es z. B. auch Youtube-Channels und vereinzelte Blogs gibt, die sowohl klassisch-kommerzielle wie auch Netaudio-Musik vorzustellen.

Die schiere Anzahl von (auch guter) Musik ist immer noch gewaltig, aber es gibt wahrscheinlich tendenziell weniger “Konzentrationen”, dafür vielleicht immer mehr ausdifferenzierte Subszenen.

Wie es eine schöne Abwandlung des durchgenudelsten Warholzitats ever beschreibt, die ich irgendwo mal las: “In the future everyone will be famous for 15 people”.

Vielen Dank für das Interview!

Walter Benjamin: Komplettes Interview und Links (Stadtrevue Netzmusik #06)

Mit dem portugiesischen Singer-Songwriter Walter Benjamin habe ich für die aktuelle Ausgabe der monatlichen Kolumne ‘Netzmusik‘ der Stadtrevue ein längeres Interview geführt. Wie üblich poste ich hier das komplette Interview (dieses Mal in englischer Sprache), dazu die Downloadlinks seiner frei erhältlichen Releases.

Downloads

Walter Benjamin: The National Crisis (LP. Merzbau/merzcd0005 – CC-BY-NC-ND, 2008)

Walter Benjamin & Baga: Ice Cream And Swinging Lettuce (EP, Bandcamp, CC-BY-NC, 2009)

Walter Benjamin & João Correia: The Last Summer Before Our Youth (EP, Bandcamp, CC-BY-NC 2010)

Walter Benjamin: Paper Boats (Single, Bandcamp, 2011, CC-BY-NC)

Walter Benjamin, Jakob Bazora, Zachary Woolfson: Johnny & Lucy (Single, Bandcamp 2012, CC-BY-NC)

Walter Benjamin: The Dog Follows The Bull (EP, Merzbau, 2007, CC-BY-NC-ND)

Walter Benjamins aktuelles Album ‘The Imaginary Life of Rosemary and Me’ kann auf Bandcamp zwar gehört, aber nicht heruntergeladen werden, das geht nur via Amazon oder iTunes (für jeweils 7,92 Euro). Die CD kann direkt beim Label Pataca Discos bestellt werden – für faire 11 Euro. Das Album läuft unter einer CC-BY-NC-Lizenz, die die private, nicht-kommerzielle Weitergabe erlaubt.

Bevor es nun mit dem vollständigen Interview losgeht, hier noch einer der veritablen Hits, von denen ich im Artikel schreibe: ‘Airports and Broken Hearts’, einmal in der Studioversion …

… , einmal in einer Akustik-Solo-Version …

… und noch ‘High Speed Love’, beide vom Album ‘The Imaginary Life of Rosemary and Me’.

Das komplette Interview (in englischer Sprache)

I realise you license most of your albums under Creative Commons. What does legal sharing of your music mean to you? Is CC just an easy way of licensing and promoting your music or does it mean more to you?

It is a bit of both. I used to be part of a netlabel called Merzbau and we distributed music for free under CC because we were dreamers and wanted to intoxicate Lisbon’s music scene with different stuff. I personally think people should be able to sample my music and do interesting stuff with it, creation leads to more creation. CC is great because it makes distribution easier, it is what actually allowed netlabels to start releasing stuff legally.

I now started a digital label with some friends in London (www.romanroadrecords.com) and we are selling our records online, which is a different philosophy. We’re struggling to get our music out there while we have to pay a rent, food and our studio. Fun times.

The musician, not the philosopher: Walter Benjamin (Credit: Pataca Discos)

The musician, not the philosopher: Walter Benjamin (Credit: Pataca Discos)

My new album was released by an independent portuguese label, though. It’s called Pataca and they have been releasing awesome stuff, one of the bands (You Can’t Win Charlie Brown) even played SXSW recently and I use members of Julie & the Carjackers as the core of my band. Check them out!

Tell me a bit about the production of your album … to what extent has life between the diverse cities of Lisbon and London influenced you?

It has influenced me a lot, a big part of the record is about that distance. The basic tracks of the album were recorded in a beautiful analog studio in Lisbon with my drummer (João Correia), bass player (Nuno Lucas) and some other friends. We did the basic tracks there and then I brought the sessions to London where I finished overdubbing and mixing in my own small studio. It was a funny process because in Lisbon I had access to all these amazing instruments, a grand piano, a Hammond Organ, amazing guitar amplifiers, vintage drum kits, etc. and London forced me into a lot of restrictions, which is also great.

Tell me about the role your friends played with regard to the production your album and how they affected the music and arrangements.

I am very lucky and have very talented friends. My drummer and bass player are amazing musicians and the three of us laid the foundations to the songs together. They are so tight and they make it very easy to record with them. I played most of the guitars and keyboards and then invited some friends to do other stuff. I love having people around and get their creative input. Singer-songwriters Márcia and Francisca Cortesão (Minta & The Brook Trout) did some amazing vocals, Duncan Brown (Basement Jaxx’s sound engineer) and Nick Mills played horns here in London. My beautiful friend Jakob Bazora helped me a lot at the final stages of this album, we’re both trained sound engineers and I borrowed his ears countless times. I thought I was going crazy.

Besides (indie)pop references mentioned in the press release, which traditional musical influences would you name?

I am influenced by all the music, from The Beatles to The Beach Boys, from Bach to Serge Gainsbourg, The Doors, Bob Dylan, Leonard Cohen to LCD Soundsystem, Animal Collective, David Bowie and many others. And a lot of new portuguese music.

Will you continue to release music under Creative Commons with Roman Road Records – or do you, as with the Gelfin Brothers EP, return to traditional ‘(C) all rights reserved?’

That’s a good question but we’re not sure yet. I suppose it will make sense for some releases in the future and it is something we have to decide depending on every single project we release.

What do you think about the new kind of hybrid labels such as Error Broadcast (featured in an earlier episode of Stadtrevue Netzmusik) – they offer both free or so-called ‘redux’ digital downloads, but also sell physical releases on Vinyl and digipak-CD’s … something you could image with Roman Road Records as well?

Yes, for sure. I have to say that I am very interested in vinyl and do value the physical releases a lot. The problem is that we’re still operating on a very small scale and digital releases is our only viable option for now. It will also be interesting to explore the way we do our digital releases a bit more with the inclusion of videos and other extras with the download. Why not? Digital packaging could also be turned into something interesting and exciting. iTunes is quite dull on things like that. We’re operating using Bandcamp to distribute our music and it is quite cool because you can download high quality mp3 or even lossless files. It is important for us that the records sound good, we want to be a label that really cares about the sonics of our records. It doesn’t mean we don’t like lo-fi stuff though, we do.

Your professional background is sound engineer? Is this job to be understood as a ‘day job’ helping you to earn money?

I moved to London in 2008 to study sound engineering. I still do some production work in Lisbon and play there regularly but my main job is, indeed, as a sound man in London. My label friend, Jakob Bazora, is also a sound engineer and that background really helps us with the production of our records and the way we work with other artists. I also studied music so both worlds really complement each other very well.

Is ‘Walter Benjamin’ is your real name? Or am I right your moniker has something to do with the german philosopher …

I did steal the name from the german philosopher. My first gig in Lisbon was in a book shop and many people thought they were going to see this talk about the great (and real) Walter Benjamin and not just some guy with a guitar. There was me sitting with my yellow hat and singing some songs. Most people don’t seem to mind, I chose the name while I was studying anthropology in Lisbon and his story really captured me. He tried to escape from nazi prosecution. Lisbon was his destiny and from there he would be able to flee to America. He committed suicide because he wasn’t able to complete his journey. The day I chose the name I stumbled upon a book called Passenger Walter Benjamin and thought it was faith. I bought the book and here I am.

But anyway, I have to say that I used the name but not anything else. I just build a completely different character with the same name and changed the german prononciation into english. Don’t mean to explore philosophy in my songs or anything like that. I think of the name as a quote as if it was a band’s name.

Many thanks for the detailed interview, Walter!

Stadtrevue-Netzmusik: Das komplette Interview mit Sven Swift

Nach dem Auftakt im vergangenen Monat erschien vor ein paar Tagen Stoffels und meine neue Kolumne Netzmusik #01 im Kölner Magazin Stadtrevue. Für die vergangene wie auch für diese Ausgabe habe ich Interviews geführt, von denen ich aufgrund der begrenzten Zeichenzahl nur Auszüge verwenden konnte.

Nachfolgend das komplette Interview mit Sven Swift für das Error Broadcast-Feature in der Stadtrevue-Netzmusik #01, Ausgabe 10/2012, geführt am 27. Juli 2012. Sven Swift (Twitter, Posterous-Blog) lebt in Berlin und gründete 2009 zusammen mit Filippo „Flip“ Aldovini aus Modena das Instrumental HipHop-Label Error Broadcast. Beide schöpften zurvor reichlich aus der mit ihren Netlabels 12rec und Zymogen gesammelten Erfahrung.

Flip & Swift, Error Broadcast

Sven Swift (rechts) und Filippo 'Flip' Aldovini (links) betreiben gemeinsam das Label Error Broadcast. Bild: Sim Sullen, CC-BY.

Error Broadcast hat ja mit seinem Mix auf freien Downloads und hochwertigen FLAC- und Vinyl-Releases sowie einer cleveren Promo-Strategie 2009/2010 so etwas wie eine Vorreiterrolle in puncto zeitgemäßem Musiklabel eingenommen. Ich möchte gerne wissen, wie die Dinge heute aussehen: Was ist aus dem Trend bzw. der Idee (‘MP3′s umsonst, FLAC & Vinyl kaufen’) geworden, die Du in Deinem Interview mit DRadio Wissen / Christian Grasse im Juni 2010 ansprachst? Kannst Du nach gut drei Jahren Error Broadcast ein (erstes) Resümee ziehen?

Wir versuchen an der Idee festzuhalten, wenn es um rein digitale Veröffentlichungen geht. Ein Grossteil unserer Online-Verkäufe läuft allerdings über den Vertrieb, und die Musik wird von Leuten gekauft, die mit hoher Wahrscheinlichkeit nie auf unserer Website waren. An den Verkäufen über Bandcamp allerdings ist zu sehen, dass ein free download in räsonabler Qualität wenig Einfluss auf den Absatz hochwertiger Datenformate hat. Für unsere Vinylreleases verzichten wir aus mehreren Gründen allerdings auf diese Option.

Als Hörer beobachte ich, dass nicht mehr wie noch zu Beginn von Error Broadcast, jedes Release als freier 192kbps Download zur Verfügung steht und Ihr teilweise neben Creative Commons auch wieder ‘All rights reserved’ anwendet. Kann man daraus schließen, dass Ihr Euch wieder mehr in Richtung ‘traditionelles Label’ bewegt?

Unser letztes, komplett freies Release war Montgomery Clunk’s ‚Superbus’ EP von November 2010. Ab 2011 haben wir uns vor allem auf physikalische Veröffentlichungen konzentriert, die wir nicht mehr zum freien Download angeboten haben. Das hat natürlich zum einen wirtschaftliche Gründe – die Investition von ca. 2000 Euro pro gepresster 12-inch will ja irgendwie wieder kompensiert werden. Zum anderen ist man in der Musikbranche noch immer dem Vorwurf ausgesetzt, das etwas, das umsonst ist, entweder nicht gut oder der Künstler noch unbekannt ist. Diese Haltung befindet sich auf dem Rückzug seit die Mixtape-Kultur im Hip Hop und R&B Erfolgsgeschichten wie Odd Future, The Weeknd, ASAP Rocky oder Danny Brown hervorgebracht hat. Trotzdem wollten wir erstmal einen Punkt machen – vollkommerzielles Plattenlabel mit Vertrieb und Promotion uns allem was dazugehört. Like a boss.

Interessanter Punkt: Im Juli diesen Jahres haben wir mal wieder ein komplett digitales Release herausgehauen, die ‚Cocody’ EP von H-SIK, die sehr gut gelaufen ist, obwohl wir eine ‚Redux’ Version zum freien Download anbieten. Es läge Nahe, zu vermuten, dass die Option auf den Gratisdownload das Medieninteresse angefeuert hätte. Aber nein, niemand hat auch nur erwähnt das es dort in freies .zip-File gibt!

Für die Zukunft wird unser Schwerpunkt definitiv weiter auf Vinyl liegen, und insofern sehe ich Error Broadcast auch als traditionelles Plattenlabel, aber wenn wir neue Künstler mit digitalen Releases etablieren wollen oder die Musik einfach zu odd ist, werden wir weiterhin auch auf freie Downloads setzen. Ich gebe zu, dass das weniger von politischer Überzeugung als von marktwirtschaftlicher Taktik motiviert ist.

Gibt es Error Broadcast-Künstler, die GEMA-Mitglieder sind?

Nein.

Wie hat sich das Profil des Labels entwickelt? Trifft die Genrebezeichung ‘Instrumental Hip Hop’ noch uneingeschränkt zu?

Na ja, im Herzen schon. Als Hörer, der nicht so tief in der Szene drinsteckt, könnte die Definition allerdings problematisch sein. Als wir uns gegründet haben, 2008/ 2009, war das ‚Instrumetal Hip Hop’ Ding richtig groß. Da liegen unsere Wurzeln. Spätestens seit 2011 allerdings haben wir begonnen, weitere Spielarten der so genannten Bass Music zu übernehmen. Die ‚Simon and G-Funk’ 12“ von Monolithium aus Kanada ist eine Art Wendepunkt für uns gewesen, mit ihrem hochsynthetischen Synthsounds und der Mischung aus Hip Hop und Footwork. Die Remixe von Om unit und Salva für Pixelord und DZA, respectively, zeigten diese Richtung schon früher an. Unsere Liebe für das Club-inkompatible, musikalisch Abseitige kann leicht an den Veröffentlichungen mit iL oder Shlohmo abgelesen werden (wobei Letzterer natürlich von Anfang an dabei war). Seit 2012 haben wir eigentlich nur Musik veröffentlicht, deren Inspiration sicher auch Hip Hop ist, der Definition als solches aber nicht mehr standhält. Der nutriot Blog nannte es unlängst „the uncharted territories between garage and footwork“, was ich sehr treffend finde. Flip und ich verfolgen alle Trends und versuchen einen eigenen Stil zu extrahieren – ich denke, EB ist heute genauso wenig Trap-, Dubstep-, Juke- oder Cloud Rap-Label wie wir ein reines Label für Hip Hop sind. Call it electronic music okay? :)

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Sven Swift.

Stadtrevue-Netzmusik: Das komplette Interview mit Christian Grasse

Nach dem Auftakt im vergangenen Monat erschien vorgestern Stoffels und meine neue Kolumne Netzmusik #01 im Kölner Magazin Stadtrevue. Für die vergangene wie auch für diese Ausgabe habe ich Interviews geführt, von denen ich aufgrund der begrenzten Zeichenzahl nur Auszüge verwenden konnte.

Christian Grasse

Christian Grasse

Nachfolgend das komplette Interview mit Christian Grasse für den Artikel “Maximale Verbreitung! Netlabels krempeln das Musikbusiness um” aus Stadtrevue 09/2012, geführt am 27. Juli 2012. Christian Grasse (Twitter, Homepage, Blog) ist Mitbetreiber des Netlabels aaahh records, freier Journalist für Hörfunk und Netz, Podcaster und Blogger.

Wie kommt es, dass man nicht nur bei aaahh records, sondern auch bei einigen anderen Netlabels seit einiger Zeit wieder einen – wenn auch kleinen – Trend zum physischen Tonträger beobachten kann?

Vorweg: Digitale Musik ist der Status Quo in der Musikwelt und “freie” Musik ist längst ein gängiges Modell für PR, auch im Mainstream-Musikmarkt. Die einst “revolutionäre” Vorreiterrolle haben Netlabels also verloren. Der physische Tonträger wird dagegen immer mehr zur Nische (in Zeiten von Musikstreaming übrigens auch zunehmend das MP3), die uns reizt.

Der Hauptgrund für Vinyl ist wohl das komplett entgegengesetzte Hörverhalten. Vinyl ist Haptik pur, ein langsames Medium, das Geduld und Zuwendung braucht. Das Hören von Vinylplatten ist eine bewusste Entscheidung, eine gesteigerte Aufmerksamkeit, eine Zuwendung zur Musik. Digitale, bzw. virtuelle Musik (Stream und Downloads) hingegen stellt eher ein Nebenbei- oder Entdeckungsmedium dar. Ich glaube, dass genau dieser Gegenpol in der von kurzen Aufmerksamkeitsspannen getriebenen Netaudiowelt den Reiz darstellt, vermehrt auf Vinyl zu setzen. Vorausgesetzt die Fans verlangen danach.

Anmerkung: Zum Zeitpunkt des Interviews lief das aaahh Records-Crowdfunding-Projekt “Entertainment for the Braindead’s ‘roadkill’ as a vinyl-release“, zu dem ich Christian folgende Frage stellte:

Aktuell steht Ihr ja bei etwa 1400 Euro und es bleibt noch knapp ein Monat – wie schätzt Ihr Eure Erfolgschancen in Bezug auf das Ziel 5000 Euro ein?

Die ersten 1000 Euro sind am einfachsten, denn die Fans die nur darauf warteten, schlugen sofort zu. Jetzt wird es sicherlich schwierig, denn die Kampagne muss nun auch Leute erreichen, die uns bisher nicht kannten. Statistisch gesehen sind 80% aller Crowdfunding-Kampagnen, die die 30% Marke überschreiten auch erfolgreich. Insofern sind wir ganz zuversichtlich.

Werdet Ihr ‘Roadkill auf Vinyl’ auch realisieren, wenn das Funding über startnext nicht funktioniert?

Darüber haben wir noch gar nicht ernsthaft nachgedacht. Ich denke nicht. Für uns ist das alles ein Experiment. Wir sind einfach sehr neugierig wie und ob dieses Werkzeug, das nun jedem Kreativen zur Verfügung steht, funktioniert. Niemand hat etwas zu verlieren. Wir sind ja grundsätzlich komplett unkommerziell aufgestellt und es existieren keinerlei Abhängigkeiten. Wenn es funktioniert, freut es uns sehr! Wenn nicht, dann war es trotzdem eine gute Erfahrung und ein Lernprozess im Umgang mit dem für uns neuen Werkzeug des Crowdfundings.

Zum Zeitpunkt des Redaktionsschluss war der Ausgang des Projekts noch ungewiss, daher der im Artikel etwas vage formulierte Satz ”Mal klappt es, mal nicht”. Leider hat es dann nicht geklappt, das gesetzte Ziel von 5000 Euro zur Realisierung des Albums ‘Roadkill’ von Julia Kotowski aka Entertainment for the Braindead auf Vinyl zu erreichen. Warum hat aaahh records hier aufgeschrieben.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Christian Grasse.

AMS-Interview veröffentlicht

Mein hier bereits erwähntes Interview mit Stefan Schael, dem deutschen Projektleiter des Alpha Magnetic Spectrometer (AMS)-Experiments auf der Internationalen Raumstation ISS, wurde heute veröffentlicht – das heißt: Das DLR-Magazin 132 wird derzeit in gedruckter Form an die Abonnenten versendet und wurde heute vormittag als PDF (11,6 MB) und Flipbook veröffentlicht. Die englische Version wird gegen Ende des Monats erscheinen, die deutsche Version des Artikels lest Ihr hier.

DLR Magazin 132: Endlich zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

DLR Magazin 132: Endlich zur richtigen Zeit am richtigen Ort.