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Nachtstück Records: Alchemic Harm (Stadtrevue Netzmusik, Juni 2016)

(Erstveröffentlichung im Stadtrevue KölnMagazin, Ausgabe Juni 2016 – bitte kauft oder abonniert die Print-Ausgabe, wenn Ihr eines der ältesten, unabhängigen Stadtmagazine Deutschlands unterstützen wollt).

Oft denken wir in letzter Zeit: Netlabels sind eigentlich tot. Und dann taucht das auf: Nachtstück Records aus Braga, Portugal, gegründet 2014 von Tiago Morais Morgado. Gefunden über einen Facebook-Post von Peter Kirn, der auf Nachtstück gerade unter dem Moniker Alchemic Harm zusammen mit Szilvia Lednitzky aka Lower Order Ethics eine gleichnamige digitale EP veröffentlicht hat. Wir hören übelst finsteren, freigeistig-experimentellen Ambient, von dem sich Ridley Scotts Sounddesigner demnächst bitte inspirieren lassen mögen.

Noch eindringlicher und spukiger macht die Musik, dass Lednitzky und Kirn mit ihrer Musik “Acoustics of Damage” heraufbeschwören — über die Gründe mehr weiter unten. Das Tolle ist: Zum Teil (Track vier, »Paradisaeidae«) ist das sogar tanzbar. Wir stellen uns, ohne es zu kennen, sowas wie das Berghain um 4 Uhr 30 an einem Sonntagmorgen vor.

Peter Kirn kennen wir als umtriebigen Blogger an der Schnittstelle von Musik und Technik (CDM — createdigitalmusic.com), Dinge-Erklärer (Workshops und Vorträge zu Musiktechnik, Sounddesign, Hacking), Space-Afficionado (“Space Science Sound System”) und als Musiker, solo oder mit Benjamin Weiss als Nerk / Kirn. Über Frau Lednitzky ist leider nicht viel rauszukriegen, außer dass sie Bookerin, Managerin und Spezialistin für elektronische Musik ist und als DJ ebenfalls unter dem Namen Lower Order Ethics auflegt und Musik produziert.

SR_Netzmusik_06-2016

Sämtliche auf Nachtstück Records veröffentlichte Musik steht unter Creative Commons-Lizenz und kann gratis oder — bevorzugt — gegen eine Spende für wechselnde wohltätige Zwecke heruntergeladen werden. Im Fall “Alchemic Harm” kommen diese der Tinnitus Research Initiative (tinnitusresearch.org) zugute, um das zu schützen, was uns allen so wichtig ist: das Hören. Bisherige Spenden gingen aber auch an UNICEF oder die Processing Foundation, die die gleichnamige Open Source-Programmiersprache unterstützt, die in den elektronischen Künsten zum Einsatz kommt.

Spukig: Alchemic Harm EP

Spukig: Alchemic Harm EP

Musikalisch gibt es auf Nachtstück noch viel mehr zu entdecken: Stockhausens “Sirius”, interpretiert vom Taller-Ciclo-Kollektiv aus Chile; experimentelle Solo-Bratsche oder Elektronik-Experimente vom Labelmacher Tiago Morais Morgado. Einmal durch den Label-Katalog klicken lohnt sich, nicht nur für Experimental-Liebhaber.

Weit, weit weg vom Mainstream: Svann Langguth

Bereits vor einigen Wochen hat das Kölner Netlabel Der kleine grüne Würfel Svann E. Langguths “Badunger Beiträge zur Miniklonforschung” veröffentlicht und damit in der Labelgeschichte einen kleinen Wendepunkt weg von rein elektronischer hin zu elektroakustischer Musik vollzogen.

Svann, auch als regelmäßiger Teilnehmer des Grüner Würfel Drehkommandos bekannt, nimmt sich nicht nur hier, sondern auch mit der Therapeutischen Hörgruppe Köln musikalischer Themen an, die weit weg vom Mainstream irgendwo zwischen U-, E- und F-Musik, zwischen Avantgarde und Musique concrète liegen.

Svann Langguth auf der Cologne Commons 2010 als Teil des Grüner Würfel Drehkommandos. Bild: Sim Sullen, CC-BY-NC-SA.

Svann Langguth auf der Cologne Commons 2010 als Teil des Grüner Würfel Drehkommandos. Bild: Sim Sullen, CC-BY-NC-SA.

Auf “Badunger Beiträge” bearbeitet er frühe Aufnahmen der mittlerweile aufgelösten Berliner Formation miniklon. Vom akademisch klingenden Ansatz des Projekts sollte man sich nicht abschrecken lassen, denn es gibt viel zu entdecken, insbesondere mithilfe von Kopfhörern. Wabern zu Beginn des Konzeptalbums noch analoge Synths, Stimmen und Trommeln durch den Raum, folgen in der Mitte markante Beats, die der Komposition zunächst ein wenig Halt geben um sie dann wieder in ambienten Wohlklängen enden lassen. Der düsteren Grundstimmung kann allerdings auch das versöhnliche Ende nicht entgegenwirken.

Svanns Klangästhetik ist in hohem Maße durch selbstgebaute Instrumente geprägt. Seine Klangbasteleien (siehe auch Würfel-Artist-Info und Foto) konnte ich beim letzten Drehkommando, bei dem ich auch dabei war, live bewundern. Einer Vielzahl kleiner Wunderkisten, zum Teil in Gestalt von mit elektronischen Bauteilen befüllten, handelsüblichen Plastik-Butterbrotdosen, entlockt er ziemlich entrückte Klänge – wie eben auch auf seinem neuen Album zu hören.

Download des kompletten Albums