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Stadtrevue Netzmusik: Aaahh Records wiederentdeckt.

(Die gedruckte – und leicht gekürzte – Version dieses Artikels findet Ihr im Stadtrevue Magazin, Ausgabe Dezember 2017).

In Netzmusikkreisen ist Bralitz eigentlich durch die Festivals des Aaahh-Netlabels bekannt. Im alten Bahnhof des kleinen Orts mitten im Grünen, etwa eine Autostunde von Berlin entfernt, trat auch der kosmopolitische US-Singer-Songwriter Nicolas Falcon häufig auf. Mal mit Band und mal ohne unterwegs, benannte er sich nach vielfach wechselnden Pseudonymen zuletzt nach dem Ort in Brandenburg.

Falcons wunderbare Stimme jedenfalls begegnete einem im Umfeld von Aaaah Records schon häufiger, zum Beispiel auf der 2013 veröffentlichten Braaahhlitz Compilation, einem gemeinsamen Album aller Aaahh Records-Künstler, das es zum Glück noch im Internet Archive gibt.

Nun ist Aaahh Records Geschichte und auch das Festival fand dieses Jahr nicht mehr statt, doch Falcon hat sich nach Stationen in Mailand, Shanghai und Brüssel erneut in Norditalien eingefunden. Dort ist er weiterhin als Lehrer tätig und nimmt in seiner Freizeit schönen, unprätentiösen, augenzwinkernden Songwriter-Indiepop auf, der sehr von klassischen Stilen wie Gypsy Jazz, Rock’n Roll oder Bossa Nova geprägt ist. Das alles gibt es hier.

Hörenswert ist auch seine launige Unterhaltung mit Tom Ray vom Music Manumit Podcast in einer kürzlich erschienenen Episode.

Eng verbunden mit dem verblichenen Aaahh Netlabel ist auch Julia Kotowski, besser bekannt als Entertainment For The Braindead. Das erste atmosphärisch dichte, ausschließlich mit Banjo und Laptop aufgenommene Folk-Album Roadkill der Kölnerin erschien dort im Jahr 2010 und wurde damals ziemlich abgefeiert. Auch wir berichteten hier darüber, und zwar im Netzmusik-Debütartikel (Stadtrevue 09/2012).

Mittlerweile hat Julia von Köln nach Berlin rübergemacht, viele weitere Alben aufgenommen und soeben mit SUN ihr neues Album veröffentlicht. Bereits der Opener “The Sound” ist ein ziemlicher Hit.

Trotz Ihres immer noch markanten, durch mehrstimmigen Gesang, Field Recordings und versponnene Arrangements geprägten Sounds bleibt ihre Liebe zum Minimalismus. Hier wirkt, ähnlich wie bei Bralitz, trotz Emotionalität nichts zu dick aufgetragen oder gar prätentiös.

“Eingespielt und aufgenommen wurde alles – von Gesang & Gitarre über Klarinette und Balalaika bis hin zu Percussion und Synth – von mir mit einfachem Laptop-Setup in meinem Zimmer”, erzählt Julia. Bei ihrem neuesten Release geht es aber noch um mehr. SUN ist ihre erste Veröffentlichung in Zusammenarbeit mit einem Musikverlag, Motor Music. Prophylaktisch musste sie dafür zähneknirschend GEMA-Mitglied werden.

Liebe zum Minimalismus: Entertainment for the Braindead. Bild: Aurora Romano.

Liebe zum Minimalismus: Entertainment for the Braindead. Bild: Aurora Romano.

“Was das Künstlerische angeht bin ich noch immer überzeugt meiner DIY-Einstellung verbunden, musste mir aber irgendwann eingestehen, dass man sich so halb zwangsläufig professionalisieren muss, wenn man nicht möchte, dass die Musik irgendwann als Hobby nebenbei keinen Raum mehr findet”, sagt die überzeugte Nutzerin von Creative Commons-Lizenzen. Ob das weiterhin möglich ist, checkt sie derzeit. “In jedem Fall ist es nicht unklug, dass man Dinge wie zum Beispiel die Logistik an Leute delegiert, die das besser können”, schlussfolgert Julia. Nachvollziehbar, finde ich.

Review: ZOE.LEELA – Digital Guilt

Der Indie-Gegenentwurf zu Kylie Minogue – ich weiß auch nicht, wieso das einer der ersten Gedanken war, die mir kamen, als ich das neue Album “Digital Guilt” von Zoe.Leela hörte. Wahrscheinlich, weil sich hier eine gewisse Sexyness (siehe Foto) und Laszivität mit Produktionsskills paart. Und ja, ich mag Kylie Minogue (und lege das manchmal sogar auf, für andere Leute und mich, zum Tanzen). Meine Kylie-Lieblingssongs sind übrigens “Slow” und “Can’t get you out of my head”. Zurück zu Zoe.Leela. Stilistisch ist das wesentlich breiter und nicht im Mainstream verortet, doch fangen wir vorne an.

ZOE.LEELA. Credit: tompigs.com

ZOE.LEELA. Credit: tompigs.com/zoeleela.com

Ich hatte ZOE.LEELA bzw. ihr Netaudio-Release Queendome Come (erschienen auf dem Kölner Netlabel rec72 von Marco Medkour) bereits im Rahmen der Cologne Commons 2010 wahrgenommen, ihre Musik dann aber nicht weiter verfolgt. Bis ich vor kurzem wieder im Zuge dieser Urheberrechtsdebatte auf Spreeblick auf sie aufmerksam wurde. Dort war sie eine der wenigen Musikerinnen, die sich in die Debatte einbrachte – was mich dazu veranlasste, diesen Blogpost zu verfassen. Dort fand auch Zoe.Leela Erwähnung, wir kamen via Twitter in Kontakt und sie fragte mich, ob ich Lust hätte, etwas über ihr neues Album zu bloggen – und da sind wir gerade.

Zoe.leela: Digital Guilt (album cover)Bevor ich gleich wieder zu ihrer Musik komme, noch ein paar Worte zum Hintergrund ihrer aktuellen Veröffentlichung: Digital Guilt setzt sich, wie der Name erahnen läßt, nicht nur thematisch mit dem Digitalen Zeitalter auseinander, das Album ist gleichsam Blueprint für ein zeitgemäßes Digitalrelease: Veröffentlicht in Kooperation mit dem “großen” Indie-Label Motor Music kann es sowohl über den klassischen Vertriebsweg (CD über Rough Trade, z.B. bei Amazon) als auch via Bandcamp (Buy/Donate) und via iTunes erworben werden. Zu dieser besonderen Form des Vertriebs gesellt sich dann noch ein fester Tritt in den Hintern der GEMA, denn anstatt dort Mitglied zu sein, bevorzugt ZOE.LEELA die Nutzung der Creative Commons CC-BY-NC-SA-Lizenz, heißt: Man kann sich das Album als CD kaufen oder ab 5,49 Euro z.B. bei Bandcamp herunterladen und es dann – nicht-kommerzielle Nutzung vorausgesetzt – mit beliebig vielen Freunden teilen, es in Mixen verwenden oder sogar Remixen, einfach so.

Begleitet wird das Ganze von einer geschickten Marketing- und Promotionkampagne, die, so scheint es mir, zum einen von Motor Music (klassische Labelpromotion) und zum anderen von Tompigs.com (für die zweinulligen Kanäle) verantwortet wird. Vier Thesen zur GEMA, emotionale Interviews und sogar ein ganzes GEMA-Dossier bringen die alteingesessene Musikverwertungsgesellschaft dabei ziemlich in Bedrängnis. Man kann Zoe.Leela, ihrem Label und ihrem Management hier natürlich den gezielten Einsatz der positiv besetzten Creative Commons-Bewegung zu eigenen Zwecken unterstellen. Fragen kann man aber auch: Warum eigentlich nicht? Wenn ich das richtig sehe, hat das so wie oben beschrieben noch niemand probiert – was ich von allen Beteiligten (Tim Renner/Motor Music, Zoe.Leela, Produzent Noah Felk, ihrem Management) ziemlich ok finde.

Für die Hörer, und das dürfte wahrscheinlich einer der wichtigsten Aspekte sein, stimmt alles: Sie bekommen zeitgemäße Musik auf zeitgemäßen Vertriebsweg zu einem fairen Preis (mit Ausnahme der CD, die mit 15,99 irgendwie nicht so in das Preismodell passt) und können die Tracks auch noch mit gutem Gewissen – heißt legal – an Freunde weitergeben. Wenn sich das nun noch für Musikerin, Produzent und Label lohnt und alle ihren Lebensunterhalt davon bezahlen können, würde eigentlich ein Traum in Erfüllung gehen. Auf das Erreichen dieses Ziels bin ich allerdings sehr gespannt.

Kommen wir wieder zur Musik: Das Album ist ausnehmend fett produziert (und braucht insofern also auch diesbezüglich den Vergleich zu Kylie nicht zu scheuen) – es dominieren  Sägezahn-Synthies, treibende Beats und Produzent Noah Felk gibt sich Mühe, eine größtmögliche Stilbreite hinzubekommen, doch genau das ist das kleine Problem an dem ansonsten gelungenen Album. Mir persönlich hätte es besser gefallen, wenn es ein wenig stilltreuer bei seinem eigenen, bisweilen ins frickelig-elektronische bis trashige abdriftenden Elektropop-Entwurf bliebe, mit dem es so vielversprechend losgeht. Stattdessen wird, wie schon gesagt, eine stilistische Bandbreite aufgefahren, die das Album am Ende etwas zerfasert wirken läßt – und in den etwas generischen Elektrorock eines Songs wie ‘She rides’ enden läßt.

Was bleibt ist ein Album, dass nicht nur aufgrund seines zeitgemäßen Urheberrechts- und Vertriebskonzeptes, sondern auch aufgrund seines musikalisch-künstlerischen Inhalts etwas zu sagen hat. Solider, intelligenter, genrehüpfender Indie-Elektrosägezahnpop (mit gelegentlichem Mainstream-Appeal) fürs digitale Zeitalter eben. Und ein superfettes Mastering von Cem Oral (Air Liquide/Jammin’ unit) gibt’s obendrauf. Heißt: Es klingt einfach sehr geil.

Offenlegung: Zoe.leela bzw. ihr Management tompigs.com haben mir einen kostenfreien Download zur Verfügung gestellt. Nicht mehr und nicht weniger.