Tag Archives: Peter Kirn

SR Netzmusik 08/16: Hi-Five! (EardrumsPop), Imaski (Establishment Rec.), C-Doc: “Quit” (blocsonic)

(Erstveröffentlichung dieses Artikels im Stadtrevue KölnMagazin, Ausgabe August 2016 – bitte kauft oder abonniert die Print-Ausgabe, wenn Ihr eines der ältesten, unabhängigen Stadtmagazine Deutschlands unterstützen wollt).

Diverse: Hi-Five! (eardrumspop.com) Download

Erinnert sich noch jemand an Twee? Jene leicht süßliche Variante des Indiepops, die ihren Anfang in der 80ern mit der Veröffentlichung des mittlerweile legendären C86-Samplers der britischen Musikzeitschrift NME nahm, in den 90ern Ihren Höhepunkt fand, später immer weiter zerfaserte, und der schließlich Größen wie Brillant Corners, Magnetic Fields oder Pastels zugerechnet wurden?

Wie dem auch sei: Nachdem das alles nun schon ein Weilchen abgeebbt ist, haben sich diverse Netlabels des Genres angenommen. Eines davon ist EardrumsPop, gemacht von vier Leuten, die nur beim Vornamen genannt werden wollen und sich wie so oft über den europäischen Kontinent verteilen. Gestartet wurde das Label von Knut, der zunächst drei “Seasonal Compilations” veröffentlichte und mit der vierten, “Between Two Waves”, einen kleinen Erfolg einfuhr. Großen Wert legt das Labelteam, das zum Teil aus professionellen Illustratoren besteht, aufs Design und, ja, die liebevoll gestalten Cover heben sich wohltuend vom Netlabel-Einheitsbrei ab. Mit dem vor kurzem erschienenen, neuerlichen Sampler „Hi-Five!“ wird das fünfjährige Jubiläum des Labels gefeiert. Obwohl man die 38 (!) Songs im Grunde gut durchhören könnte, empfehlen wir die Rezeption in geringer Dosierung (Überzuckerungsgefahr).

Imaski: s/t (establishmentrecords.bandcamp.com)

Noch in der vorletzten Kolumne berichteten wir über Peter Kirns Projekt “Alchemic Harm” – und kommen nicht umhin nun schon wieder auf eine neue Veröffentlichung des umtriebigen Bloggers, Musiktechnologen und Musikers hinzuweisen, die auf seinem frisch gestarteten Label Establishment Records erscheint. Von ihm als ‚flirtatious, techno-tinged hyperreal pop’ bezeichnet, hören wir nervösen, samplebasierten wie von Androiden programmierten Techno, der, gekoppelt mit den parallel veröffentlichten Videos der Filmemacherin Anna Maria Olech, in der Tat heftigst “flirtet“ – und zwar mit Euch. Unbedingt ansehen. Und anhören.

P.S.: Establishment Records ‘is a new outlet from CDM (createdigitalmusic.com) supporting cross-genre and trans-media releases’ – sieht man, oder?!

C-Doc: “Quit” (blocsonic.com)

Obwohl nach recht konventionellen Downtempo-Mustern gestrickt hat es uns diese frisch veröffentlichte Maxi angetan – vermutlich ob eines schlichten Tricks des Produzenten, der angibt, das Werk sei eine Hommage an seinen Lieblingsfilm “Blade Runner“. Mal abgesehen davon, dass sowas bei uns als Science-Fiction-Fans meistens funktioniert, schafft es C-Doc durch clevere Arrangements und die Verquickung geschickt eingestreuter Dissonanzen mit gefälligeren Flächen spielend, die gewünschte Atmosphäre zu erzeugen. Am “Netlabel Day“, 14. Juli 2016 erschien nicht nur das volle Album von C-Doc. Blocsonic, das freundliche Netlabel aus Maine, USA, hat an diesem Tag noch einiges mehr veröffentlicht und und die “samplePack series“ mit CC-BY-lizenzierten, also frei verwendbaren Samples seiner Künstlerinnen und Künstler, gestartet.

Nachtstück Records: Alchemic Harm (Stadtrevue Netzmusik, Juni 2016)

(Erstveröffentlichung im Stadtrevue KölnMagazin, Ausgabe Juni 2016 – bitte kauft oder abonniert die Print-Ausgabe, wenn Ihr eines der ältesten, unabhängigen Stadtmagazine Deutschlands unterstützen wollt).

Oft denken wir in letzter Zeit: Netlabels sind eigentlich tot. Und dann taucht das auf: Nachtstück Records aus Braga, Portugal, gegründet 2014 von Tiago Morais Morgado. Gefunden über einen Facebook-Post von Peter Kirn, der auf Nachtstück gerade unter dem Moniker Alchemic Harm zusammen mit Szilvia Lednitzky aka Lower Order Ethics eine gleichnamige digitale EP veröffentlicht hat. Wir hören übelst finsteren, freigeistig-experimentellen Ambient, von dem sich Ridley Scotts Sounddesigner demnächst bitte inspirieren lassen mögen.

Noch eindringlicher und spukiger macht die Musik, dass Lednitzky und Kirn mit ihrer Musik “Acoustics of Damage” heraufbeschwören — über die Gründe mehr weiter unten. Das Tolle ist: Zum Teil (Track vier, »Paradisaeidae«) ist das sogar tanzbar. Wir stellen uns, ohne es zu kennen, sowas wie das Berghain um 4 Uhr 30 an einem Sonntagmorgen vor.

Peter Kirn kennen wir als umtriebigen Blogger an der Schnittstelle von Musik und Technik (CDM — createdigitalmusic.com), Dinge-Erklärer (Workshops und Vorträge zu Musiktechnik, Sounddesign, Hacking), Space-Afficionado (“Space Science Sound System”) und als Musiker, solo oder mit Benjamin Weiss als Nerk / Kirn. Über Frau Lednitzky ist leider nicht viel rauszukriegen, außer dass sie Bookerin, Managerin und Spezialistin für elektronische Musik ist und als DJ ebenfalls unter dem Namen Lower Order Ethics auflegt und Musik produziert.

SR_Netzmusik_06-2016

Sämtliche auf Nachtstück Records veröffentlichte Musik steht unter Creative Commons-Lizenz und kann gratis oder — bevorzugt — gegen eine Spende für wechselnde wohltätige Zwecke heruntergeladen werden. Im Fall “Alchemic Harm” kommen diese der Tinnitus Research Initiative (tinnitusresearch.org) zugute, um das zu schützen, was uns allen so wichtig ist: das Hören. Bisherige Spenden gingen aber auch an UNICEF oder die Processing Foundation, die die gleichnamige Open Source-Programmiersprache unterstützt, die in den elektronischen Künsten zum Einsatz kommt.

Spukig: Alchemic Harm EP

Spukig: Alchemic Harm EP

Musikalisch gibt es auf Nachtstück noch viel mehr zu entdecken: Stockhausens “Sirius”, interpretiert vom Taller-Ciclo-Kollektiv aus Chile; experimentelle Solo-Bratsche oder Elektronik-Experimente vom Labelmacher Tiago Morais Morgado. Einmal durch den Label-Katalog klicken lohnt sich, nicht nur für Experimental-Liebhaber.

re:publica 2013: Ein Resümee

Vorweg: Es war die bisher beste re:publica überhaupt und mein größter Respekt gebührt allen, die das möglich gemacht haben. Für mich gibt es nur ein Fazit: Alles, aber auch wirklich alles haben die Veranstalter und Organisatoren richtig gemacht.

Nach dem eher leichten und unterhaltsamen Panel des letzten Jahres “Tweeting from Space for the Digital public” konnte ich gemeinsam mit Geraldine und Sandra in diesem Jahr die Space-Sessions des Open Science Tracks kuratieren. Es wurde zwar nicht der große Wurf, den wir uns vorgenommen hatten – von geplanten neun blieben nur vier (oder, genauer gesagt, drei) Sessions übrig – doch die hätten besser nicht sein können. Beginnen wir mit einem meiner Highlights des Science Tracks:

Carolinas Blog und ihre Arbeit verfolge ich schon eine Weile mit großem Interesse – und habe mich sehr darüber gefreut, dass wir sie einladen konnten und sie, trotz der Tatsache, dass sie vor nicht allzu langer Zeit Mutter wurde, die lange Reise aus Südafrika gemeinsam mit ihrer Familie auf sich genommen hat. Großer Dank gebührt re:publica und Geraldine de Bastion, die die Einladung ermöglicht hat.

https://twitter.com/marco_t/status/331700934138793985

In Ergänzung zu ihrem Vortrag hier noch drei Medienbeiträge, die Ihr Euch auf jeden Fall ansehen bzw. anhören solltet:

3sat nano

https://twitter.com/marco_t/status/332612871504666624

https://twitter.com/dctp_tv/status/332023677837250560

Und als Netzmusiker gefiel mir der Astro-Sound-Hack Chromotone natürlich sehr gut:

https://twitter.com/marco_t/status/331705896298246144

Weiter ging es mit den Part Time Scientists: Diese beiden jungen Herren – Karsten Becker und Robert Böhme – und ihr fast 100-köpfiges, über den Erdball verteiltes Team, sind mit dem Mondrover Asimov einer der Favoriten im Wettbewerb um den Google Lunar XPrize. Ziel: Bis 2015 einen Rover auf dem Mond landen, dort mindestens 500 Meter fahren, High-Definition-Video und Bilder zur Erde senden. Das von Google ausgelobte Preisgeld beträgt im Maximalfall 30 Millionen US-Dollar. Wenn man nun bedenkt, dass der geplante Start mit einer russischen Trägerrakete vom Typ Dnepr eine ähnlich hohe Summe kosten wird, hat man in etwa einen Eindruck davon, dass die Part Time Scientists hier nicht nur enorme technische, sondern auch administrative Herausforderungen meistern müssen. Wenn Robert, Karsten und Team allerdings mit demselben Enthusiasmus zur Sache gehen wie bei Ihrem Talk auf der re:publica, bin ich mir sicher, dass sie es schaffen werden.

Unterstützt werden die Part Time Scientists vom DLR, genauer gesagt vom DLR-Institut für Robotik, das neben der Antriebstechnologie auch die intelligente, autonome Navigation auf Basis von Umgebungswahrnehmung beisteuert.

Letztlich dann noch mein eigener kleiner Beitrag namens “Space Science as a Creative Commons?“, der im Workshop-Bereich stattfand und daher nicht aufgezeichnet wurde. Die Folien gibt es hier:

Space science as a creative commons? from Marco Trovatello

Entgegen der Ankündigung habe ich für den Vortrag noch einiges zum Thema Open Access zusammenrecherchiert: Nach einem Blick auf den “großen Bruder” NASA und dessen Status quo in puncto Copyright law bzw. Non-Copyright und Public Domain habe ich mir den aktuellen Stand der Dinge in Europa angesehen – und bin zu Ergebnis gekommen, dass die European Space Agency bereits erfreulich frei und offen mit Daten ihrer Erdbeobachtungs-, Planetenforschungs- und Astronomiemissionen umgeht, in Bezug auf ihre eigenen (PR-)Medien allerdings in puncto freier Lizensierung noch nicht zum unter Creative Commons lizensierenden DLR aufgeschlossen hat.

Discussion following

Discussion following “Space as a creative commons?” talk. Image credit: republica, CC-BY.

In der anschließenden, kleinen Diskussionsrunde mit John Weitzmann (Creative Commons Deutschland, iRights.info), Paul Klimpel (iRights.info), Mathias Schindler (Wikimedia Deutschland), Kirsten Rulf (Autorin und Redakteurin, WDR/ARD Aktuell) und einigen anderen wurde zwar durchaus kontrovers, aber – zumindest meiner Meinung nach – auch sehr erkenntnisbringend debattiert. Ich habe hierzu einen separaten Artikel geschrieben.

Hojun Song’s Talk zur Open Source Satellite Initiative fiel leider aus, er schaffte es offenbar nicht rechtzeitig, dafür aber gab es ein Video-Interview mit Ai WeiWei.

https://twitter.com/marco_t/status/332161238903713792

Und sonst?

John Weitzmann lud zur Diskussion “Space Night Mission Control … GEMA, we have a problem. Fluch und Segen freier Inhalte in kommerziellen Märkten”: Das Team “Contra” in diesem von John moderierten Streit stellten Ellen Vorac , Label-, Musik- und Digitalvertriebsexpertin, und Volker Tripp, Jurist, Netlabel-Betreiber (ideology) und freier Journalist (Breitband), das Team “Pro”  stellten Luci van Org, Musikerin und Autorin, und ich in meiner Rolle als unter CC veröffentlichender Musiker und Netlabel-Mitbetreiber. Das Besondere an der Diskussion war das streng festgelegte Format, das einen etwaigen verbalen Schlagabtausch gar nicht erst zuließ, sondern durch per Stoppuhr gesteuerte Länge der Redebeiträge pointierte Thesen und Argumente hervorbrachte.

Space Night-Diskussion auf der rp13

Space Night-Diskussion auf der rp13: Links Team Pro (Luci van Org, Marco Trovatello), rechts Team Contra (Ellen Vorac, Volker Tripp). Bild: Andrea Schaub.

Das sah in etwa so aus:

Zunächst die These des Teams Pro (Luci,  Marco):

“Angesichts des Verschwimmens der Rollen im Musikgeschäft (keine klare Trennung mehr zw. Musiker, Texter, Produzent, Vermarkter etc.) sollten freie Inhalte ein Mittel sein, das allen Künstlern selbstverständlich zur Verfügung steht und nicht von überkommenen Verwertungsstrukturen ausgebremst wird.”

Es folgten jeweils vier Minuten Argumente von Team Pro und Team Contra, dann die These des Teams Contra:

“Freie Inhalte drücken Preise im Lizenz-Bundle-Geschäft und dienen für sehr bekannte Künstler dazu, sich auf Kosten anderer Aufmerksamkeit zu verschaffen”

Space Night-Diskussion, re:publica 2013

Space Night-Diskussion, re:publica 2013. Bild: Tobias Schwarz.

Dann wieder jeweils vier Minuten Argumente von Team Pro und Team Contra, spontane These des Moderators John Weitzmann, acht Minuten Schlussdiskussion, Ende. Das ganze ging zack-zack, kam ohne Polemik aus und war – so hoffe ich – für alle Beteiligten und Zuhörerinnen genauso erfrischend wie für mich. Leider auch hier keine Aufzeichnung, da es sich nur um eine kleine Session im Workshop-Bereich handelte.

Rezeptions-Overflow: Noch mehr Kultur, Science, Technologie, Politik …. meine weiteren persönlichen Glanzlichter (in keiner bestimmten Reihenfolge) waren …

… der Talk zum “Making of” des animierten Kurzfilms R’ha:

https://twitter.com/marco_t/status/331529520295317506

… Cory Doctorows Talk zu Digital Rights Management (DRM) und Computer in unseren Körpern:

… Mathias Schindler und der “Urheberrecht-Yeti”:

… Peter Kirn zu Mensch-Musik-Maschine Interfaces aus historischer wie heutiger Sicht:

https://twitter.com/marco_t/status/332976694363316225

… sowie etwa 50 verpasste Sessions, die ich ebenso interessant fand.

Und sonst noch?

https://twitter.com/SimSullen/status/331866308419399680

Abends Netlabel-Opa-Stammtisch, yeah!