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Stadtrevue Netzmusik: Interview mit Ruben Jonas Schnell und Klaus Walter (ByteFM)


Dies ist die Langfassung eines Interviews, das ich mit Ruben Jonas Schnell und Klaus Walter für das  Stadtrevue KölnMagazin, Ausgabe Dezember 2016, geführt habe. Die kurze Version gibt es hier. B
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Es wird Zeit, über ByteFM zu berichten, den Internetsender, der 2008 von Ruben Jonas Schnell in Hamburg gegründet wurde, 2009 mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet wurde und uns die Art von gutem Musikjournalismus und Autorenradio bietet, die wir im Öffentlich-rechtlichen Hörfunk und Internet heute so vermissen. Sandra Zettpunkt (ex FSK/Sunday Service), Klaus Fiehe (WDR 1Live) und Klaus Walter (Ex-hr3, »Der Ball ist rund«) stehen stellvertretend für etwa hundert Musikjournalistinnen und -journalisten, die ihre Musik selbst aussuchen, auflegen und eigenwillige Sendungen produzieren – zumeist ehrenamtlich. Wir haben Ruben Jonas Schnell und Klaus Walter gefragt, wie das funktioniert.

Ruben, Du moderierst bis heute Freitagnachts den „Nachtclub“im NDR – was hat Dich 2008 zur Gründung von byteFM bewogen?

Das war in 2007, ich las in der Zeitung über die vielen Bürgerradios, hatte das früher auch mal gemacht und dachte mir: Es wäre doch toll, die guten Musikformate der jeweiligen Sender auf einer eigenen Plattform zu bündeln. Ich sprach dann Kolleginnen und Kollegen im Öffentlich-rechtlichen Rundfunk an und viele sagten sofort, dass sie dabei sind. Der Hintergrund ist ja: Ich liebe das, was ich beim NDR mache, habe da alle Freiheiten, doch die Sendung läuft nachts und ich hatte einfach das Gefühl – und die anderen mit mir – dass eine Plattform fehlte, die sich rund um die Uhr mit wertiger Popmusik auseinandersetzte.

Ruben Jonas Schnell, Musikjournalist, Gründer und Geschäftsführer von ByteFM

Ruben Jonas Schnell, Musikjournalist, Gründer und Geschäftsführer von ByteFM. Bild: ByteFM.

Der wirtschaftliche Gedanke stand nicht im Vordergrund. Für uns war ByteFM eher eine Spielwiese, um das zu machen, was wir von einem guten Musikradio erwarteten. Trotzdem brauchten wir natürlich Geld. Am Anfang hatten wir einen Sponsor ohne dessen Sockelbetrag wir nicht hätten starten können. Für mehr als die Studiomiete und die Streaming-Server reichte das aber nicht. Da wir auf jeden Fall werbefrei bleiben wollten, versuchten wir weitere Sponsoren für unsere Startseite im Web zu gewinnen, was aber nicht funktionierte. Und so hatte ein Freund und Kollege, Kurt Reinken, die Idee, den Förderverin „Freunde von ByteFM“ zu gründen. Eine Idee, die es schon vorher gab und die ich zunächst abtat, da ich mir sicher war, dass die Leute neben den GEZ-Gebühren nicht noch einmal Geld fürs Radio bezahlen wollen – eine Fehleinschätzung meinerseits!

Wann wurde der Verein gegründet und wieviele Mitglieder hat er heute?

2010, und er wurde super angenommen. Wir haben zur Zeit 4600 Mitglieder.

Das ist eine Menge. Mit 50 Euro im Jahr unterstützt man Euch nicht nur, sondern streamt in hoher Qualität, kann Sendungen herunterladen und vieles mehr …

Ich bin sehr zufrieden damit. Aber auch wenn die Summe der Beiträge gut klingt und für eine Person ein gewaltiges Jahreshonorar wäre, ist das für einen 24 Stunden am Tag operierenden Sender nicht besonders viel. Streaming, Technik, Produktion und Redaktion sind recht komplex und kostenintensiv.

Den Rest finanziert Ihr …?

… über Partnerschaften und Sponsoren, das geht von Getränkeherstellern, die auf Programmheften und Flyern für Konzerte auftauchen, über die Elbphilharmonie in Hamburg bis hin zu Medienpartnerschaften.

Wie sieht es mit den Musikjournalisten, die von den Öffentlich-rechtlichen zu Euch kamen aus? Diese produzieren Woche für Woche hochwertige Sendungen, die Ihr nicht vergüten könnt. Magazinsendungen wie taz.mixtape oder ByteFM Magazin hingegen schon.

Die Unterscheidung ist folgende: Ist es eine Sendung, die die Autorin oder der Autor aus Leidenschaft macht und selbst produziert? Das können wir momentan leider noch nicht bezahlen. Oder ist es redaktionell gesteuert und erfüllt somit einen Dienst für ByteFM wie z.B. das ByteFM-Magazin: Das ist die Sendung, in die wir Konzertpräsentationen einbinden, in der wir das Album der Woche vorstellen. Oder auch „Neuland“, wo wir auch mal ein neues Mainstreamalbum besprechen würden, wenn es relevant ist. Sendungen also, die ganz wichtig dafür sind, dass wir unsere Leistungen gegenüber Kooperationspartnern, zum Beispiel Konzert-Veranstaltern, erfüllen. Und deshalb honoriert, allerdings auch nur in Form einer Aufwandsentschädigung. Mein Wunsch ist allerdings, dass die Autorensendungen alle bezahlt werden – dafür muss der Förderverein aber groß – also größer als jetzt – sein. Und es wird nie in dem Maßstab, in dem das beim Öffentlich-rechtlichen Rundfunk stattfindet, möglich sein.

Klaus Walter, Musikjournalist, Autor und Moderator, unter anderem für ByteFM. Bild: ByteFM.

Klaus Walter, Musikjournalist, Autor und Moderator, unter anderem für ByteFM. Bild: ByteFM.

Klaus, Deine Sendung „Was ist Musik?“ ist das prototypische Beispiel eines Autorenradioformats, das es so im öffentlichen Rundfunk nur noch sehr selten gibt: Recherche, Einordnung, Kontext, Politik, Hintergrund sind nur einige Stichworte, um sie zu beschreiben. Vor einiger Zeit hast Du Dich an Deine Hörerinnen und Hörer gewandt und ihnen erklårt, warum Du Deine Sendung auf eine Stunde gekürzt hast. Erklärst Du es unseren Leserinnen und Lesern auch? 

Das hat ganz klar mit den von Ruben angesprochenen fehlenden finanziellen Mitteln zu tun und damit, dass die Qualität meiner Sendungen darunter leidet. Heißt: Ich kann mich nicht so lange mit einer Sendung beschäftigen, wie ich das tun würde, wenn ich sie für den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk produzieren wuerde, denn der zahlt eben anders. Es bleibt immer eine gewisse Unzufriedenheit.

Trotz dieser nicht idealen Umstände produzierst Du Deine Sendung „Was ist Musik“ unbeirrt weiter – in gewohnt hoher Qualität, oft in mehreren Teilen, mit ausführlichen Interviews und begleitet von Hintergrundinfos und Transkripten – was treibt Dich da an?

Wenn ich mir meine Sendungen mal genauer anhöre, ist es oftmals leider so, dass mal ein krummer Schnitt oder eine holprige Formulierung drinbleibt. Ich formuliere häufig aus dem Stegreif, obwohl ich eigentlich ein Fan von Manuskripten bin. Wenn man komplexere Inhalte transportieren will und dazu noch viel Namedropping betreiben muss ist das schon sinnvoll, aber ich kann es mir bei vielen Sendungen, die ich für ByteFM mache, nicht leisten. Ein Dilemma: Die gewohnt hohe Qualität ist dann eben doch nicht so hoch, wie ich es gerne hätte.

Was micht antreibt ist natürlich trotzdem die Möglichkeit, es einfach machen zu können.  Ich habe in den letzten Jahren die Art und Weise der Sendung ziemlich verändert, das heißt ich produziere häufiger monothematische und vertiefende Sendungen. Es gab da beispielsweise drei Folgen, die sich mit der Band JaKönigJa und ihrem neuen Album „Emanzipation im Wald“ beschäftigten. Oder zwei Sendungen zum Schwabinggrad Ballett/Arrivati und ihrem Album “Beyond Welcome!”. Zu den Mekons, die mit „Existentialism“ eine interessante neue Platte mit dazugehörigen Buch rausgebracht haben, gibt es auch gleich zwei Sendungen. Das sind natürlich absolute Spielwiesen, die es so bei den Öffentlich-rechtlichen kaum oder eigentlich gar nicht mehr gibt. Ein wunderbares Privileg, das wir bei ByteFM haben.

Arbeitest Du noch für den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk?

Ja, viel. Meistens in Form von Beiträgen für Deutschlandradio Kultur, Deutschlandfunk, WDR, BR – dort mache ich öfter auch ganze Sendungen, beispielsweise im Nachtmix, und bis zur Abschaffung vor einem Jahr auch in der Nachtsession von null bis zwei Uhr. Tolle Sendezeit, tolle Spielwiese, leider nicht mehr da. Kürzlich habe ich in der Reihe Zündfunk Generator des BR ein Feature gemacht über den Umgang der Obamas mit der Popkultur.

Du bist bereits seit den 70er Jahren auch als Journalist für diverse Magazine und Tageszeitungen und hältst Vorträge – wie siehst Du medienübergreifend den Status des Popjournalismus (gerne in Deutschland sowie international)?

Ich antworte darauf meistens mit einem Zitat des Rappers Beans, der schon vor etwa 15 Jahren die Zeile „Too many MC’s and not enough listeners“ geprägt hat. Mit der Digitalisierung und dem allgemeinen technischen Fortschritt haben wir uns an Brechts Radiotheorie angenähert, wie er sie in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts postuliert hatte und in der alle gleichzeitig Hörer und Sender sein mögen, können, sollten. Was damals eine schöne Utopie war, ist heute ein Stück weit eingelös t– zum Teil allerdings auch gegen Interessen und Intention Brechts: Alle können senden, natürlich nicht nur im Radio, sondern auch auf anderen Kanälen. Es hören aber immer weniger Leute zu, es gibt immer weniger Austausch und auch die berühmten Gatekeeper gibt es nicht mehr. Den heutigen John Peel, der irgendetwas Neues durchsetzt, gibt es nicht mehr. Das ist vorbei, und wir können es auch nicht mehr rekonstruieren, darüber zu jammern bringt nichts. Deswegen sollten wir darauf schauen, welche Vorteile die neuen Möglichkeiten bieten: Podcast, Nachhören, wann immer ich es will, das sind tolle Errungenschaften, mit denen man die Leute punktgenau erreichen kann. Bei ByteFM zum Beispiel.

Du kritisierst, dass „ein Internetradio wie ByteFM im Bereich der Popkultur das leistet, was die gebührenfinanzierten Öffentlich-rechtlichen qua Auftrag leisten müssten – aber nur sehr eingeschränkt tun.“ Es ist offensichtlich, dass ByteFM das auch durch die Finanzierung seiner Unterstützer, den „Freunden von ByteFM“ nur eingeschränkt leisten kann – was denkst Du, wie es weitergehen kann?

Ich träume immer von einem reichen Mäzen, der ByteFM als sein Spielzeug finanziert, so wie Roman Abramovich sich einen Fussballverein leistet, aber ich fürchte der wird nicht kommen.

Eure Lieblingssendungen auf ByteFM?

Klaus: Ganz, ganz viele. Der geschätzte Kollege Jan Möller mit „Von Bullerbü nach Babylon“ fällt mir da zum Beispiel ein, das höre ich sehr gerne.

Ruben: Kann ich nicht sagen. Ich finde es super, ein Programm zu haben, bei dem ich selbst überrascht bin, immer wieder.

Eure Lieblingssendungen/-sender im deutschen und internationalen Radio?

Ruben: This American Life. Eine in Chicago produzierte Public Radio Show, die ich wirklich fast jede Woche höre. Ansonsten NDRInfo, Deutschlandradio Kultur und Deutschlandfunk. Gesprächssendungen, die dort laufen, wie die „Zwischentöne“. Sachen, die wir in der Form bei ByteFM nur ganz schwierig auf die Beine stellen können, da sie so wahnsinnig aufwändig sind, dass das auf Basis eines Ehrenamts so einfach nicht funktioniert.

Klaus: Da muss ich nochmal auf Beans und seine Zeile „Too many MC’s and not enough listeners“ zurückkommen:  Ich höre tatsächlich relativ wenig Radio, weil ich selber so viel produziere und sende. Sender aus der Ferne – in Deutschland gibt es da so ein Hauptstadt-Provinz-Gefälle. Der BR ist eine positive Ausnahme mit dem Zündfunk, da gibt es viele tolle Sendungen und Leute.

Ruben, Klaus: Was wünscht Ihr Euch für die Zukunft – persönlich als Musikjournalisten und für byteFM?

Klaus: Ich würde mir wünschen, dass es bei ByteFM für die Arbeit Geld gibt, respektive mehr Geld gibt, denn für einige Sendungen gibt es ja schon ein bisschen Geld, und das dadurch auch die Zukunft von ByteFM und des Musikjournalismus, der dort betrieben wird, gesichert wird. Um es noch utopischer zu formulieren: Ich wünsche mir, dass eines Tages ein noch besserer Musikjournalismus gewährleistet und finanziert werden könnte.

Ruben: Ich möchte gerne die Marke ByteFM weiter bekannt machen – ich glaube, dass das was wir machen trotz Spotify und anderer Dienste, die auch ich als Hörer nutze, einzigartig und hochwertig ist, und eine Nachfrage erfüllt. Trotzdem kennen uns zu wenige Leute. Noch 5000 Freunde mehr und wir können die Autorensendungen bezahlen.

ByteFM hören: www.byte.fm