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SR Netzmusik 08/16: Hi-Five! (EardrumsPop), Imaski (Establishment Rec.), C-Doc: “Quit” (blocsonic)

(Erstveröffentlichung dieses Artikels im Stadtrevue KölnMagazin, Ausgabe August 2016 – bitte kauft oder abonniert die Print-Ausgabe, wenn Ihr eines der ältesten, unabhängigen Stadtmagazine Deutschlands unterstützen wollt).

Diverse: Hi-Five! (eardrumspop.com) Download

Erinnert sich noch jemand an Twee? Jene leicht süßliche Variante des Indiepops, die ihren Anfang in der 80ern mit der Veröffentlichung des mittlerweile legendären C86-Samplers der britischen Musikzeitschrift NME nahm, in den 90ern Ihren Höhepunkt fand, später immer weiter zerfaserte, und der schließlich Größen wie Brillant Corners, Magnetic Fields oder Pastels zugerechnet wurden?

Wie dem auch sei: Nachdem das alles nun schon ein Weilchen abgeebbt ist, haben sich diverse Netlabels des Genres angenommen. Eines davon ist EardrumsPop, gemacht von vier Leuten, die nur beim Vornamen genannt werden wollen und sich wie so oft über den europäischen Kontinent verteilen. Gestartet wurde das Label von Knut, der zunächst drei “Seasonal Compilations” veröffentlichte und mit der vierten, “Between Two Waves”, einen kleinen Erfolg einfuhr. Großen Wert legt das Labelteam, das zum Teil aus professionellen Illustratoren besteht, aufs Design und, ja, die liebevoll gestalten Cover heben sich wohltuend vom Netlabel-Einheitsbrei ab. Mit dem vor kurzem erschienenen, neuerlichen Sampler „Hi-Five!“ wird das fünfjährige Jubiläum des Labels gefeiert. Obwohl man die 38 (!) Songs im Grunde gut durchhören könnte, empfehlen wir die Rezeption in geringer Dosierung (Überzuckerungsgefahr).

Imaski: s/t (establishmentrecords.bandcamp.com)

Noch in der vorletzten Kolumne berichteten wir über Peter Kirns Projekt “Alchemic Harm” – und kommen nicht umhin nun schon wieder auf eine neue Veröffentlichung des umtriebigen Bloggers, Musiktechnologen und Musikers hinzuweisen, die auf seinem frisch gestarteten Label Establishment Records erscheint. Von ihm als ‚flirtatious, techno-tinged hyperreal pop’ bezeichnet, hören wir nervösen, samplebasierten wie von Androiden programmierten Techno, der, gekoppelt mit den parallel veröffentlichten Videos der Filmemacherin Anna Maria Olech, in der Tat heftigst “flirtet“ – und zwar mit Euch. Unbedingt ansehen. Und anhören.

P.S.: Establishment Records ‘is a new outlet from CDM (createdigitalmusic.com) supporting cross-genre and trans-media releases’ – sieht man, oder?!

C-Doc: “Quit” (blocsonic.com)

Obwohl nach recht konventionellen Downtempo-Mustern gestrickt hat es uns diese frisch veröffentlichte Maxi angetan – vermutlich ob eines schlichten Tricks des Produzenten, der angibt, das Werk sei eine Hommage an seinen Lieblingsfilm “Blade Runner“. Mal abgesehen davon, dass sowas bei uns als Science-Fiction-Fans meistens funktioniert, schafft es C-Doc durch clevere Arrangements und die Verquickung geschickt eingestreuter Dissonanzen mit gefälligeren Flächen spielend, die gewünschte Atmosphäre zu erzeugen. Am “Netlabel Day“, 14. Juli 2016 erschien nicht nur das volle Album von C-Doc. Blocsonic, das freundliche Netlabel aus Maine, USA, hat an diesem Tag noch einiges mehr veröffentlicht und und die “samplePack series“ mit CC-BY-lizenzierten, also frei verwendbaren Samples seiner Künstlerinnen und Künstler, gestartet.

Bisschen Netzmusik – nachgereicht

SR_Magazin_Logo_rgbNachgereicht, wo ich gerade über LoFi-Künstler Jan Strach und sein neues Release auf clongclongmoo.org lese: Die SR Netzmusik vom November 2015 mit eben diesem Jan Strach, The Black Peguins, The Freak Fandango Orchestra und Jan Gründfeld – bitteschön: http://www.stadtrevue.de/archiv/archivartikel/7460-netzmusik/ (Klick auf die Releasetitel führt zum Download).

Nachtstück Records: Alchemic Harm (Stadtrevue Netzmusik, Juni 2016)

(Erstveröffentlichung im Stadtrevue KölnMagazin, Ausgabe Juni 2016 – bitte kauft oder abonniert die Print-Ausgabe, wenn Ihr eines der ältesten, unabhängigen Stadtmagazine Deutschlands unterstützen wollt).

Oft denken wir in letzter Zeit: Netlabels sind eigentlich tot. Und dann taucht das auf: Nachtstück Records aus Braga, Portugal, gegründet 2014 von Tiago Morais Morgado. Gefunden über einen Facebook-Post von Peter Kirn, der auf Nachtstück gerade unter dem Moniker Alchemic Harm zusammen mit Szilvia Lednitzky aka Lower Order Ethics eine gleichnamige digitale EP veröffentlicht hat. Wir hören übelst finsteren, freigeistig-experimentellen Ambient, von dem sich Ridley Scotts Sounddesigner demnächst bitte inspirieren lassen mögen.

Noch eindringlicher und spukiger macht die Musik, dass Lednitzky und Kirn mit ihrer Musik “Acoustics of Damage” heraufbeschwören — über die Gründe mehr weiter unten. Das Tolle ist: Zum Teil (Track vier, »Paradisaeidae«) ist das sogar tanzbar. Wir stellen uns, ohne es zu kennen, sowas wie das Berghain um 4 Uhr 30 an einem Sonntagmorgen vor.

Peter Kirn kennen wir als umtriebigen Blogger an der Schnittstelle von Musik und Technik (CDM — createdigitalmusic.com), Dinge-Erklärer (Workshops und Vorträge zu Musiktechnik, Sounddesign, Hacking), Space-Afficionado (“Space Science Sound System”) und als Musiker, solo oder mit Benjamin Weiss als Nerk / Kirn. Über Frau Lednitzky ist leider nicht viel rauszukriegen, außer dass sie Bookerin, Managerin und Spezialistin für elektronische Musik ist und als DJ ebenfalls unter dem Namen Lower Order Ethics auflegt und Musik produziert.

SR_Netzmusik_06-2016

Sämtliche auf Nachtstück Records veröffentlichte Musik steht unter Creative Commons-Lizenz und kann gratis oder — bevorzugt — gegen eine Spende für wechselnde wohltätige Zwecke heruntergeladen werden. Im Fall “Alchemic Harm” kommen diese der Tinnitus Research Initiative (tinnitusresearch.org) zugute, um das zu schützen, was uns allen so wichtig ist: das Hören. Bisherige Spenden gingen aber auch an UNICEF oder die Processing Foundation, die die gleichnamige Open Source-Programmiersprache unterstützt, die in den elektronischen Künsten zum Einsatz kommt.

Spukig: Alchemic Harm EP

Spukig: Alchemic Harm EP

Musikalisch gibt es auf Nachtstück noch viel mehr zu entdecken: Stockhausens “Sirius”, interpretiert vom Taller-Ciclo-Kollektiv aus Chile; experimentelle Solo-Bratsche oder Elektronik-Experimente vom Labelmacher Tiago Morais Morgado. Einmal durch den Label-Katalog klicken lohnt sich, nicht nur für Experimental-Liebhaber.

Jess Lemont (Stadtrevue Netzmusik #39, Februar 2016)

Erstveröffentlichung im Stadtrevue KölnMagazin, Ausgabe Februar 2016

Jess Lemont:
A Truly Fun Place (Happy Puppy Rec.)
y las Dos hipopótamos
The Tiny Album (bandcamp)

Be a Waterwolf: diverse (Soundcloud)
Splicey and Trackey: Country Noises / Horses, Horses . . . Horses! (bandcamp)

Jess Lemont

Jess Lemont. Quelle: Bandcamp.

Sehr unterschiedliche Musik von ein und derselben Person: Jess Lemont aus Milwaukee, USA. Lee Rosevere vom kanadischen Happy Puppy Label hat ein Händchen für tolles, obskures Zeugs – das wissen Stadtrevue Netzmusik-Leserinnen und –Leser bereits seit unserer Besprechung des wunderbaren „Manos – The Hands of Fate“ Soundtracks in Ausgabe  12/2013. Über Jess Lemonts aktuelle Releases im Netz stolpernd und die Idee verfolgend, davon einige Tracks auf seinem Label zu rauszubringen, bot die Musikerin Rosevere stattdessen Stücke einer selbstveröffentlichten CD aus dem Jahr 2003 an – beziehungsweise das, was davon noch zu retten war – die ursprünglichen Aufnahmemedien konnten nur teilweise wiederhergestellt werden.

Auf „A Truly Fun Place“ ist die Multiinstrumentalistin nicht nur für fast jeden der handgemachten Sounds selbst verantwortlich; auch möchte ich darum bitten, dass Psychedelic Soul-Papst Adrian Younge ob der authentischen Lo-Fi Produktion und Lemonts überbordender Kreativität in Ehrfurcht erstarren möge. Das Album ist auf der einen Seite ein Mix aus Slacker-Indierock, Jazz und Soul – und erzeugt andererseits eine derart gespenstische Atmosphäre, dass es eine schaurige Freude ist. Jazzige Pianoparts treffen auf offen ge- oder besser: verstimmte Gitarren, düstere Synths und entrückten Gesang. Wie gemacht für Klaus Walters nächste Hauntology-Episode auf ByteFM, auch Broadcast bzw. Trish Keenan winken kurz – und doch ist das Ganze eben Jess Lemont.

Jess Lemont

Jess Lemont. Quelle: twitter.com/brewcrewjess

Ihr Repertoire hat sich in den vergangen zwölf Jahren stark in Richtung Jazz bewegt: Unter ihrem eigenen Namen veröffentlicht Lemont Free Jazz mit Tenorsaxophon und Schlagzeug – ebenfalls alles selbst eingespielt (aktuelle Releases: „… y las Dos hipopótamos“ und „The Tiny Album“ auf bandcamp). Als „Be a Waterwolf“ gibt es auf Soundcloud improvisierte, multiinstrumentale, von ihr als „Glitch Jazz“ bezeichnete Musik, bei der neben Gitarren auch mit Stricknadeln gespielte Xylophone zum Einsatz kommen. Im Duo Splicey and Tracky, das beim Haze Netlabel veröffentlicht, hören wir eine Art sphärischen, elektronischen Improv-Jazz, in dem neben Kontrabass, diversen Stabspielen, Blasinstrumenten und Software auch wieder ihre Stimme zum Einsatz kommt. Ihr seht: es ist wirklich nicht leicht, den Überblick zu behalten.

In ihrer Twitter-Bio schreibt Jess Lemont, dass sie Musikerin ist und es liebt, „ihren Hund auszuführen und autistisch zu sein.“ Auf ihrer Bandcamp-Seite ergänzt sie: „Die Downloads sind für gewöhnlich umsonst, aber zieht bitte für das, was ihr normalerweise für Jess’ Musik gegeben hättet, eine Spende an http://www.asw4autism.org/giving-opportunities.html in Betracht – danke! Jess ist eine lokale Multi-Tracking Multiinstrumentalistin mit einem gewissen Grad des Savant-Syndroms, das sehr hilfreich für ihren Antrieb des Musikmachens ist, und daher ist sie dankbar für dieses Syndrom.“ Dann mal los: Spendet für diese tolle, freie Musik.

Stadtrevue Netzmusik-Adventskalender

Für die Kölner Stadtrevue (danke Ulrike Westhoff für die Idee!) mache ich neben der monatlichen Kolumne aktuell einen kleinen Netzmusik-Twitter-Adventskalender. Alle, nun ja, “Türchen” gibt’s über das neue Twitter-Feature “Custom Timeline” bzw. im Twitter-Stream der Stadtrevue. Viel Spaß beim Entdecken schöner, freier Musik.

Eins noch – es heißt ja so schön: Frei wie in Freiheit – nicht wie in Freibier (obwohl es auch das gibt). Sollte Euch die Musik, die wir in der SR-Netzmusik und in diesem Kalender vorstellen, gefallen, unterstützt bitte die Bands, Musikerinnen und Musiker, etc. indem Ihr ihre Musik weiterverbreitet, Konzerte besucht, ihr Vinyl, ihre CDs oder “Merch”-Artikel kauft, beim Download spendet oder was auch immer …

Übrigens: Weitere Netzmusik-Adventskalender gibt’s im Progolog, beim Kraftfuttermischwerk und bei den Musikpiraten.


Manos: “The Soundtrack of Fate” & “The Remix of Fate”

(Crosspost des Artikels für den Stadtrevue-Blog bzw. -Magazin vom 28.11.2013 – Rechte beim Stadtrevue Verlag)

"Manos"-Filmplakat, Public Domain

“Manos”-Filmplakat, Public Domain

Gerne wird der 1966 gedrehte “Manos: The Hands of Fate” in einem Atemzug mit Ed Woods “Plan 9 from Outer Space” genannt, wenn es um die schlechtesten Filme aller Zeiten geht. Während “Manos” bereits Anfang der neunziger Jahre in den USA Kultstatus erlangte, ist er bis heute in Deutschland und Europa deutlich weniger populär. Klar, viele kennen seit Tim Burtons Verfilmung die Filme Ed Woods, aber nur wenige den einzigen Film des Regisseurs und Hauptdarstellers Harold P. Warren.

Über die Komponisten des exzellenten Soundtracks, Russ Huddleston & Robert Smith, Jr, ist kaum etwas bekannt (schon gar nicht ob sie je unter diesen Namen existierten). Passend zum Film, den Regisseur Warren von Beginn an via Public Domain in öffentlichen Besitz gab, ist Anfang des Jahres auch der Soundtrack zum freien Download unter Creative Commons-Lizenz auf Bandcamp veröffentlicht worden. Denn 2011 entdeckte der US-amerikanische Filmhochschulabsolvent Ben Solovey über eine eBay-Auktion eine 16-Millimeter-Arbeitskopie und finanzierte deren Restauration und Wiederveröffentlichung in HD über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter. Im Zuge der Filmwiederherstellung wurden auch die Tonspuren wiederhergestellt. Das ergab natürlich keinen typischen “Original Score”-Soundtrack, sondern eher ein Tondokument mit Hörspielcharakter, das die Atmosphäre des Films – von bizarren Dialogen über Geräusche bis zu ambientem Dark Jazz – perfekt einfängt.

Das kanadische Netlabel Happy Puppy hat die remix-freundliche Lizenz des von Solovey/Singer veröffentlichten Soundtracks zum Anlass genommen, im Juni dieses Jahres zum Remix aufzurufen. Das Ergebnis wurde vor kurzem veröffentlicht und bietet 16 zum großen Teil wirklich hörenswerte Tracks – experimentelle Electronica, Downtempo, Breakbeats, Ambient – die die Manos-Motive aufgreifen, neu interpretieren und ebenfalls wieder remixbar sind.

Hier geht’s zum Download: Volume 1Volume 2

 

Stadtrevue Netzmusik #12: Der Weltraum und die freie Musik

BR Space Night Logo

Logo der neuen Space Night (Verwendung mit freundlicher Genemigung des Bayerischen Rundfunks)

Die diesmonatige Netzmusik-Kolumne ist oniine im Stadtrevue-Blog. Es geht um … na? Klar, die Space Night, die vor wenigen Wochen mit einer neuen Website samt Upload-Tool für freie (und insbesondere GEMA-freie) Musik an den Start ging – und jedes verwendete Stück pauschal mit 150 Euro vergütet. Hier geht’s zum Artikel …

Old Splendifolia/F.S. Blumm: Das komplette Interview (Stadtrevue Netzmusik #9)

F.S. Blumm

F.S. Blumm. Bild: fsblumm.free.fr

Gestern habe ich im Stadtrevue-Blog die aktuelle Netzmusik-Kolumne über das Album “Utterly Heartbreaking” von Old Splendifolia veröffentlicht – heute folgt nun das komplette Interview mit Frank Schültge alias F.S. Blumm, einer Häflte des Duos.

Frank, gemeinsam mit Jana Plewa hast Du im Januar 2013 auf dem italienischen La bèl Netlabel das Album ‘Utterly Heartbreaking‘ veröffentlicht. Ist das Deine erste Veröffentlichung auf einem Netlabel?

Meine erste Veröffentlichung auf einem Netlabel war auf demselben Label eine Kollaboration mit Lucrecia Dalt.

Old Splendifolia: Utterly Heartbreaking

Old Splendifolia: Utterly Heartbreaking. Bild: labelnetlabel.com

La bèl bietet ‘Utterly Heartbreaking’ einerseits als kostenlose EP, andererseits als komplettes Album für drei Euro und auch als handgemachte CD in limitierter Auflage an – das ganze ist zudem meiner Recherche nach Deine erste Veröffentlichung unter einer Creative Commons-Lizenz. Was versprechen sich Label und Band von dieser neuen Form der Distribution und Veröffentlichung? Auch Dein neues Soloalbum ‘Food’ hast Du vor kurzem via Bandcamp veröffentlicht …

Dass die Musik draußen ist und diejenigen findet die sie mögen. Dass neue Menschen auf uns aufmerksam werden; Fans was zum Knabbern haben und dass wir Konzerte spielen. Und finanziell: Vielleicht eine Lizenz abgreifen, wäre natürlich schön …

Was genau meinst Du mit ‘Lizenz abgreifen’? Dass jemand die Musik bspw. für ein Filmprojekt, Remix oder ähnliches lizensiert?

Ja, genau. Fernsehfilm, Kinofilm, Doku, Werbung … scheint – zumindest in meinem Falle – ohnehin die einzige Art zu sein durch eine Veröffentlichung heutzutage ernsthaft etwas verdienen zu können …

Sagen wir mal es funktioniert: Creative Commons hilft Euch dabei, bekannter zu werden, es ergeben sich Konzerte und neue Kollaborationen, Remixe etc. … wäre das eine Basis, auf der Du bzw. Ihr weiter arbeiten würdet? Wäre die C3S (s. auch Netzmusik #03) eine Alternative für Euch, so sie denn gegründet wird? Sie schickt sich ja schon an, alles fairer und besser zu machen, als das derzeit bei GEMA der Fall ist. Dein Verleger setzt sich ja ebenfalls bereits sehr kritisch mit der ganzen Thematik auseinander …

Tja, die GEMA hat durch ihr langes Alleinherrscher-Dasein einfach die Bodenhaftung verloren; das wird insbesondere sichtbar bei ihrer extrem ungerechten Verteilungs-Politik und der gezielten Fehlinformation von Laden- und Clubbesitzern. Durch eben diese Monopol-Stellung kann es aber wohl noch lange dauern, bis insbesondere Airplay von anderen Verwertungsgesellschaften adäquat vergütet werden kann.

Kannst Du kurz etwas zur Produktion von ‘Utterly Heartbreaking’ sagen? Die Songs haben durch ihre Aufnahmeästhetik, ihren teils improvisierten Charakter und die Field Recordings etwas sehr intimes, persönliches … war das von Anfang an so geplant?

Wir wollten, dass es nahe an dem dran ist an dem, was man auf einem Konzert von uns bekommt. Generell mag ich es sehr, mit dem Mikrofon in den Mikrokosmos einzutauchen, die kleinsten Bewegungen der Finger auf den Saiten hörbar machen, das leiseste Knistern und Hauchen einzufangen. Bei den Field Recordings wollten wir, dass die Stimme so klingt als wäre sie im Wald eingesungen, also haben wir sie im Wald eingesungen :)  … zufälligerweise kam dann ein Mopedfahrer vorbei.

Old Splendifolia

Old Splendifolia: Jana Plewa (rechts) und F.S. Blumm. Bild: labelnetlabel.com

Einige Songs wie bspw. “Woman in the Reek” wirken stärker ausarrangiert … eine Richtung, in die es für ‘Old Splendifolie’ weitergehen könnte?

Momentan eher das Gegenteil: je freier die Stücke sind, desto stärker können wir mit ihnen spielen – und desto mehr machen wir Musik während wir Musik machen.

Vielen Dank für das Interview!

Stadtrevue-Netzmusik: Das komplette Interview mit Sven Swift

Nach dem Auftakt im vergangenen Monat erschien vor ein paar Tagen Stoffels und meine neue Kolumne Netzmusik #01 im Kölner Magazin Stadtrevue. Für die vergangene wie auch für diese Ausgabe habe ich Interviews geführt, von denen ich aufgrund der begrenzten Zeichenzahl nur Auszüge verwenden konnte.

Nachfolgend das komplette Interview mit Sven Swift für das Error Broadcast-Feature in der Stadtrevue-Netzmusik #01, Ausgabe 10/2012, geführt am 27. Juli 2012. Sven Swift (Twitter, Posterous-Blog) lebt in Berlin und gründete 2009 zusammen mit Filippo „Flip“ Aldovini aus Modena das Instrumental HipHop-Label Error Broadcast. Beide schöpften zurvor reichlich aus der mit ihren Netlabels 12rec und Zymogen gesammelten Erfahrung.

Flip & Swift, Error Broadcast

Sven Swift (rechts) und Filippo 'Flip' Aldovini (links) betreiben gemeinsam das Label Error Broadcast. Bild: Sim Sullen, CC-BY.

Error Broadcast hat ja mit seinem Mix auf freien Downloads und hochwertigen FLAC- und Vinyl-Releases sowie einer cleveren Promo-Strategie 2009/2010 so etwas wie eine Vorreiterrolle in puncto zeitgemäßem Musiklabel eingenommen. Ich möchte gerne wissen, wie die Dinge heute aussehen: Was ist aus dem Trend bzw. der Idee (‘MP3′s umsonst, FLAC & Vinyl kaufen’) geworden, die Du in Deinem Interview mit DRadio Wissen / Christian Grasse im Juni 2010 ansprachst? Kannst Du nach gut drei Jahren Error Broadcast ein (erstes) Resümee ziehen?

Wir versuchen an der Idee festzuhalten, wenn es um rein digitale Veröffentlichungen geht. Ein Grossteil unserer Online-Verkäufe läuft allerdings über den Vertrieb, und die Musik wird von Leuten gekauft, die mit hoher Wahrscheinlichkeit nie auf unserer Website waren. An den Verkäufen über Bandcamp allerdings ist zu sehen, dass ein free download in räsonabler Qualität wenig Einfluss auf den Absatz hochwertiger Datenformate hat. Für unsere Vinylreleases verzichten wir aus mehreren Gründen allerdings auf diese Option.

Als Hörer beobachte ich, dass nicht mehr wie noch zu Beginn von Error Broadcast, jedes Release als freier 192kbps Download zur Verfügung steht und Ihr teilweise neben Creative Commons auch wieder ‘All rights reserved’ anwendet. Kann man daraus schließen, dass Ihr Euch wieder mehr in Richtung ‘traditionelles Label’ bewegt?

Unser letztes, komplett freies Release war Montgomery Clunk’s ‚Superbus’ EP von November 2010. Ab 2011 haben wir uns vor allem auf physikalische Veröffentlichungen konzentriert, die wir nicht mehr zum freien Download angeboten haben. Das hat natürlich zum einen wirtschaftliche Gründe – die Investition von ca. 2000 Euro pro gepresster 12-inch will ja irgendwie wieder kompensiert werden. Zum anderen ist man in der Musikbranche noch immer dem Vorwurf ausgesetzt, das etwas, das umsonst ist, entweder nicht gut oder der Künstler noch unbekannt ist. Diese Haltung befindet sich auf dem Rückzug seit die Mixtape-Kultur im Hip Hop und R&B Erfolgsgeschichten wie Odd Future, The Weeknd, ASAP Rocky oder Danny Brown hervorgebracht hat. Trotzdem wollten wir erstmal einen Punkt machen – vollkommerzielles Plattenlabel mit Vertrieb und Promotion uns allem was dazugehört. Like a boss.

Interessanter Punkt: Im Juli diesen Jahres haben wir mal wieder ein komplett digitales Release herausgehauen, die ‚Cocody’ EP von H-SIK, die sehr gut gelaufen ist, obwohl wir eine ‚Redux’ Version zum freien Download anbieten. Es läge Nahe, zu vermuten, dass die Option auf den Gratisdownload das Medieninteresse angefeuert hätte. Aber nein, niemand hat auch nur erwähnt das es dort in freies .zip-File gibt!

Für die Zukunft wird unser Schwerpunkt definitiv weiter auf Vinyl liegen, und insofern sehe ich Error Broadcast auch als traditionelles Plattenlabel, aber wenn wir neue Künstler mit digitalen Releases etablieren wollen oder die Musik einfach zu odd ist, werden wir weiterhin auch auf freie Downloads setzen. Ich gebe zu, dass das weniger von politischer Überzeugung als von marktwirtschaftlicher Taktik motiviert ist.

Gibt es Error Broadcast-Künstler, die GEMA-Mitglieder sind?

Nein.

Wie hat sich das Profil des Labels entwickelt? Trifft die Genrebezeichung ‘Instrumental Hip Hop’ noch uneingeschränkt zu?

Na ja, im Herzen schon. Als Hörer, der nicht so tief in der Szene drinsteckt, könnte die Definition allerdings problematisch sein. Als wir uns gegründet haben, 2008/ 2009, war das ‚Instrumetal Hip Hop’ Ding richtig groß. Da liegen unsere Wurzeln. Spätestens seit 2011 allerdings haben wir begonnen, weitere Spielarten der so genannten Bass Music zu übernehmen. Die ‚Simon and G-Funk’ 12“ von Monolithium aus Kanada ist eine Art Wendepunkt für uns gewesen, mit ihrem hochsynthetischen Synthsounds und der Mischung aus Hip Hop und Footwork. Die Remixe von Om unit und Salva für Pixelord und DZA, respectively, zeigten diese Richtung schon früher an. Unsere Liebe für das Club-inkompatible, musikalisch Abseitige kann leicht an den Veröffentlichungen mit iL oder Shlohmo abgelesen werden (wobei Letzterer natürlich von Anfang an dabei war). Seit 2012 haben wir eigentlich nur Musik veröffentlicht, deren Inspiration sicher auch Hip Hop ist, der Definition als solches aber nicht mehr standhält. Der nutriot Blog nannte es unlängst „the uncharted territories between garage and footwork“, was ich sehr treffend finde. Flip und ich verfolgen alle Trends und versuchen einen eigenen Stil zu extrahieren – ich denke, EB ist heute genauso wenig Trap-, Dubstep-, Juke- oder Cloud Rap-Label wie wir ein reines Label für Hip Hop sind. Call it electronic music okay? :)

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Sven Swift.